Die Mooriaden

„// Wir sind die Mooriaden / und ziehen mit dem Spaten / ins Möhrenland hinein. //“, sangen unzählige abgerissen Uniformierte – wie ein Mann, mit einer Stimme – und marschierten im Gleichschritt an Dodo vorbei.
Dieser stand mit seiner Ich-Gang am verschneiten Straßenrand und hob zögerlich die kämpferische Faust. Er wusste, wohin die Mooriaden unterwegs waren …
Seine Fee hatte sich bei ihm untergehakt und hielt in der anderen Hand einen Korb mit großen und kleinen Wunderkerzen. Die würden sie, wenn sie in drei Stunden – um Punkt null Uhr der Neujahrsnacht – am Fuße von Molochonius eintrafen, entzünden. Dann würden sie diese mit Wonne in den Schnee rammen, um so ein Heer aus Funkenlichtern entstehen zu lassen.
Die Mooriaden hingegen sollten im weiteren Sinne das Schlachtfeld um den Traumfresser herum umgraben und die Gruseleismöhren ziehen. Das würde am Ende ein Sud ergeben, der Molochonius für immer sättigen könnte.
So jedenfalls war der Plan …

Die Mooriaden marschierten mondbebrillt in endlosen Reihen die Straße entlang. Sie schnitten lange Schatten in das kalte Licht des Silvestermondes. Geblendet vom käsigen Antlitz des Trabanten sahen sie auf der Innenseite ihrer Gangsterbrillen die Illusion ihres abgerissenen Selbst.
„// Wir sind die Mooriaden / und ziehen mit dem Spaten / ins Möhrenland hinein. //“, sangen sie und begegneten dem alten, verwahrlosten Bettler, der mit seinem Kinderwagenfahrradanhänger auf dem weiten Schlachtfeld des Traumfressers kampierte. Er hatte eine kaputte Angel in der Hand und fischte nach einer der Gruseleismöhren. Die Porzellangliederpuppe saß noch immer auf seinem Hab und Gut, das er in dem Kinderwagen verstaut hatte. Sie schien immer noch mit ihrem einen Klappauge zu zwinkern, und der Haarschopf war ihr abhandengekommen.
Als der Bettler die Mooriaden kommen hörte, hob er seinen verzottelten Kopf und zog die angebrochene Schnapsflasche aus seiner Manteltasche. Dann nahm er einen kräftigen Schluck, wischte sich mit dem Handrücken über das unrasierte Kinn und brummte, „Der Boden ist vereist. Ihr werdet kein Glück haben.“

Doch das interessierte die Mooriaden kein bisschen. Sie waren am Ziel angekommen und begannen, ihre Spitzhacken und Spaten zu schwingen. Im Gleichtakt ihres Liedes hoben und senkten sie ihre Werkzeuge und bearbeiteten das weitläufige, zugeschneite Schlachtfeld. Mit zunehmendem Eifer durchwühlten sie den gefrorenen Boden rund um den Traumfresser nach den Gruseleismöhren.
Dabei begannen ihre Pickel und Schaufeln ganz allmählich rot zu glühen. In den Kältnissen dieser Zeit leuchteten sie wie brennende Fackeln, brachen die zugeeiste Erde in Schollen auf, brachten diese peu a peu zum Schmelzen und begrünten das hinter ihnen liegende Erdreich im Zeitraffer. Währenddessen sie das taten, zogen sie die Gruseleismöhren aus dem Boden und sortierten diese in große Haufen. Linkerhand einer beackerten Furche lagen die Guten, rechterhand die Schlechten …

Als zur Nullten Stunde in der Ferne die Kirchturmglocken läuteten, trafen Dodo und die Fee sowie der Rest seiner Ich-Gang auf dem Feld des Kampfes rundum Molochonius ein. Sie begrüßten den Bettler per Handschlag. Dieser hatte seine Angel beiseitegelegt und sich über ausgegrabenen Gruseleismöhren hergemacht. Mit den Schlechten befeuerte er ein Lagerfeuer, und die Guten kochte er in einem großen Kessel über dem Feuer aus. Nebenbei tat er hier und da einige kräftige Schlucke aus seiner Schnapsflasche und schmeckte den Gruseleismöhrensud mit eben jenem Schnaps ab.

Die Fee setzte den Weidenkorb mit Wunderkerzen auf den Boden, reichte Dodo und den anderen der Ich-Gang jeweils einen großen Packen dieser und drückte jedem noch ein Stabfeuerzeug in die Hände. Dann machten sie sich auf, Molochonius, den Traumfresser, unmittelbar am noch zugeschneiten Fuß konzentrisch im Gänsemarsch zu umkreisen und alle paar Schritte eine brennende Wunderkerze in den Schnee zu stecken. Sie hielten in ihrem Tun erst inne, als der Traumfresserturm rosettenförmig von Funken sprühenden Wunderkerzen umzingelt war. Das sah wie die Geburtstagstorte für einen mindestens fünfhundertjährigen Greis aus.

Der angegraute Bettler trat hinzu. Er trug eine übergroße Babyflasche im Arm – randvoll gefüllt mit karottenfarbenem Gruseleismöhrensud. Diese war befestigt an einem Rucksacktragesystem. Das Mundstück saß auf einem schmalen Ziehharmonikaschlauch, der mit der Öffnung der Babyflasche verkorkt war. Des Weiteren hielt der Bettler einen drei Meter langen Ledergurt, einen Klettergurt, und Steigeisen in den Armen.
All das überreichte er Dodo. Dieser war zwar nicht erpicht darauf, den immer hungrigen Traumfresser zu besteigen. Doch einen traf es immer. Er legte also ohne Widerworte die ganzen Gerätschaften an. Als er Molochonius umschritt, fragte er sich, wie er mit einem Ledergurt einen ganzen Turm umspannen sollte. Doch das augenscheinliche Problem entpuppte sich justament in dem Augenblick, wo er das mit Filmplakaten tapezierte Mauerwerk berührte, als Nichtproblem. Denn genau in diesem Moment verjüngte sich die Stelle der Berührung auf die Dicke eines Palmenstammes, so als ob das Mauerwerk von einem Korsett eingeschnürt würde. Dodo konnte sich also an den Aufstieg heranwagen.
Er umspann das verjüngte Mauerwerk mit dem Ledergurt, hakte diesen links und rechts am Klettergurt mit Karabinern ein und begann sich wie ein Palmeneroberer, der Kokosnüsse klauen will, zu bewegen. Die korsettartige Verjüngung im Mauerwerk des Turms wanderte mit ihm immer höher.

Währenddessen hatten die Moorjaden das gesamte Schlachtfeld – bis auf die mit brennenden Wunderkerzen bespickte Schneerosette mit dem Traumfesser im Zentrum – in ein Silvesterblumenmeer verwandelt. Die Spitzhacken und Spaten standen als zweiter Ring um Molochonius herum und glühten vor sich hin. Ihre Besitzer hatten sich auf dem befriedeten Schlachtfeld in lockeren Kleingruppen zusammengeschlossen und erzählten sich untereinander allerlei Schwänkeriche aus ihrem Leben.
Der angegraute Bettler hingegen stand bei der Fee und Dodos Ich-Gang. Er rezitierte lautstark aus seinem speckigen Kinderbuch und schwankte ein wenig im Mondlicht. In Minutenabständen schaute er immer wieder zu Dodo empor und beäugte sein Tun.

Dieser jedoch bekam von dem Treiben am Boden nicht viel mit. Als er schließlich oben an der mechanischen Wetterfahnenschlange des Traumfressers angelangt war, kletterte er über die Mauerkrone auf das Flachdach und wandte sich dem roten, volllippigen Neonröhrenmund zu. Er zog das Mundstück mit dem Ziehharmonikaschlauch aus seinem Gürtel und steckte den Nuckel zwischen die Neonröhrenlippen. Diese spitzte sich und begann zu saugen. Das war ein Gurgeln und Schlürfen, bevor die übergroße Babyflasche auf Dodos Rücken völlig leergetrunken war.
Molochonius tat einen lauten Rülpser und lächelte zufrieden, während Dodo leise „Prosit Neujahr!“ flüsterte und sich an den Abstieg machte. Unten angekommen gesellte er sich zu den anderen seiner Ich-Gang, ließ sein Blick über die Köpfe der Mooriaden wandern, betrachtete die Silvesterblumenwiese und lauschte der Rezitation des alten Bettlers. Das würde ein spannendes, neues Jahr werden, dachte er und schloss die Geschichte ab.

© Rose Kane, BS, 12/2017