Die misstönende Geige

Ich kenne einen Laden.

Irgendwo in dieser Welt, in irgendeiner Stadt, in irgendeiner kleinen Kopfsteinpflastergasse stand abseits ein winziges Fachwerkhaus. Es war uralt und windschief, und es beherbergte einen noch winzigeren Laden.

Dieser war so klein, dass man sich in ihm kaum drehen konnte. Ein mit alten Sachen bis unter die Zimmerdecke vollgepfropfter Raum. Ein Durcheinander auf dem Fußboden und in den Regalen …
Manch einer hätte gesagt, „Hier steht nur Gerümpel herum.“
Andere hätten gesagt, „Oh, wie wunderschön, das gefällt mir …“

Und in diesem Chaos lebte eine Frau, Fünfauge genannt. Sie liebte ihren Laden und hatte ihr ganzes Herz daran gehängt. Sie kannte die Lebensgeschichten ihres alten, gesammelten Krimskrams. Während ihrer Arbeit unterhielt sie sich mit dem betagten Inventar. Mal erzählte ihr der geliebte, klapprige Schaukelstuhl alltägliche Episoden aus seinem Dasein mit den verschiedensten Besitzern und ihren Eigenarten. Ein andermal erlebte sie so manches längst vergangenes Abenteuer ihrer anderen Besitztümer mit:

Fünfauge hatte zum Beispiel einen zerschundenen Reisekoffer in der letzten Sperrmüllaktion aufgestöbert. Nun lag dieser zwischen dem obersten Regalbrett und der Zimmerdecke eingequetscht und war stumm.
Bis er sich eines Tages mit tief brummender Stimme vorstellte, „Ich heiße Herr Koffer“.
Seitdem unterhielten sich Fünfauge und der Koffer oft stundenlang. Er berichtete ihr mit stolzgeschwellter, wieder jung gewordener Brust von seinen aufregenden Reisen in ferne Länder. Ab und zu übertrieb er dabei auch ein bisschen und malte alles in zu bunten Farben. Fünfauges Mundwinkel lächelten dann immer nur ihr verschmitztes Lächeln und hörten stumm zu.
Ach ja, ich vergaß Herbert zu erwähnen, ein zerzauster Plüschtierganter. Er stolzierte immer durch den Laden, stupste mit seinem gelben Schnabel Alles und Jeden an und kam sich ziemlich wichtig vor.
Er war eifersüchtig auf Herrn Koffer. Denn jedes Mal, wenn dieser seine Schilderungen mit intensivbunten Phantasiefarben ausmalte, schnatterte er, „Das stimmt doch gar nicht“ …

Nun. Eines Tages waren alle drei wieder einmal in eine angeregte Diskussion vertieft. Fünfauge stand an der abgenutzten Ladentheke, die mit speckigen Bücherschinken, einer altmodischen Schreibtischlampe und einem Wust aus Stiften und Papier voll bepackt war und überlegte, ob sie jetzt Staub wischen solle oder nicht.
Draußen strahlte die Sonne am wolkenlosen, azurblauen Himmel. Freundlich klopften die Strahlen an Ladentür und Schaufenster. Einige der hartnäckigsten fanden geheime, gut versteckte Wege durch die dreckige, über und über mit Fingerabdrücken besäte Ladenscheibe und zerschnitten die staubige Luft in flüchtige Lichtmuster.
Herbert wollte gerade beleidigt aufschnattern und den Koffer in seinem überschwänglichen Bericht unterbrechen. Da drangen von der schmalen Straße her misstönende Geräusche in den Laden. Fünfauge, Herbert und Herr Koffer blickten erschrocken und in ihrer Unterhaltung jäh gestört aus dem Auslagenfenster.
Durch die schmutzige Scheibe sahen sie zwei Menschen im grellen Sonnenlicht vor dem Laden stehen. Der eine von ihnen, ein Mann, spielte eine Geige mit drei Saiten, die Vierte fehlte. Er versuchte es jedenfalls und lachte dabei über das ganze Gesicht. Seine Begleiterin tanzte zur Musik und schlug mit einer Rassel den Takt. Sie schienen, glücklich zu sein, und strahlten eine innige Wärme zueinander aus, die nicht von der Sonne ausging. Er wippte mit der Musik, und sie störten sich überhaupt nicht an den schiefen Blicken einiger Passanten …

Inzwischen hatte sich Fünfauge an die Aufgabe herangewagt, das unzählige Inventar ihres Ladens vom zähen Staub zu befreien. Aber mit größerem Interesse verfolgte sie aus den Augenwinkeln das Geschehen auf der Gasse.
Herbert jammerte immerzu, „Was ist das für eine merkwürdige Tonabfolge? Das verdreht einem ja die Gehörgänge.“
Doch der Koffer lag auf seinem oberen Regalbrett und schwieg.
Mit einem Mal wurde es draußen ruhig. Die schräge Musik war verstummt. Fünfauge hatte den Kampf gegen den Staub eingestellt und schaute nun mit ungeteilter Aufmerksamkeit durch das Ladenfenster. Sie sah den Mann, wie er regungslos dastand und seine Geige unglücklich betrachtete …

Herberts laute, schnatternde Stimme unterbrach die Szenerie, „Passt bloß auf, gleich werden diese beiden Vagabunden hier hereinkommen und eine Geigensaite haben wollen.“
Ihrer Worte nicht ganz bewusst entgegnete Fünfauge daraufhin, „Wo man bei mir doch alles kaufen kann, nur eine Geigensaite habe ich nicht.“
Da brummte gedankenverloren der Herr Koffer von seinem Regal herunter, „Stimmt, das ist ein Laden für alles. “
„Aber Geigensaiten gibt es hier wirklich nicht“, sagte wiederum Fünfauge.

Sie hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, schon klingelte die Ladenglocke. Das junge Paar trat herein und mit ihnen ein Schwall gleißendes Sonnenlicht, welches den Raum vollends ausfüllte.
Der Mann trat zur voll gestellten Theke hin und fragte, „Haben sie nicht eine Saite für meine Geige?“
Doch Fünfauge entgegnete nur, „Es tut mir leid. Ich habe keine Geigensaiten im Angebot. Ich kann dir also keine verkaufen.“
Traurig blickten sich der Geiger und seine Tänzerin an.

Und Fünfauge sagte, „Aber wartet einen Augenblick, ich komme gleich wieder.“
Sie verschwand im Chaos ihres kleinen Reiches …

Die Eingetretenen schauten sich im Laden um und staunten nicht schlecht … Ihre Augen wurden immer größer und ihre Münder standen offen. Sie bewunderten die Kleinode, die Fünfauge mit den Jahrzehnten angesammelt hatte …
Sie sahen die verschnörkelten Stühle, das bunt bemalte Beistelltischchen, die reich verzierte Stehlampe, den Wäschekorb aus weißen Weidenzweigen geflochten, den kupfernen, mit einer grünen Patina überzogenen Bettwärmer und die barocken Bilder. Sie schmökerten in den dicken und dünnen, in Leder und Leinen gebundenen Büchern, wunderten sich und träumten so vor sich hin.
Dann tauchte Fünfauge aus dem Durcheinander wieder auf, betrachtete ihre Besucher eine Weile und schmunzelte vor sich hin. Sie hielt etwas Goldenes in der Hand, ein kleines Restknäuel aus goldenem Garn und sagte, „Ich habe nur das hier gefunden. Probiere es damit, die Vierte Saite deiner Geige neu zu bespannen.“
Die skeptischen Augen des Mannes erwiderten hingegen, „Damit geht das nicht.“
Fünfauge aber entgegnete nur, „Probier es doch einfach aus.“
Der Geiger nahm das winzige Knäuel an sich, schnitt ein Stück davon ab und spannte die Vierte Saite seines Instrumentes neu.
„Siehst du …“, sagte Fünfauge, „Und nun spiele.“

Der Musiker setzte die Geige an und spielte. Eine wundersame Melodie erfüllte das kleine Geschäft und drang auch auf die schmale Straße hinaus, in die Stadt hinein und in die Welt hinaus.
Er spielte so wunderschön und ergreifend, dass alle, die diese Musik hörten, wie zur Salzsäule erstarrt dastanden. Die Augenpaare waren scheinbar auf den Geigenspieler gerichtet, blickten aber eigentlich, versunken in ihrer eigenen Welt, durch ihn hindurch ins Nichts …

Ich stand auch dabei, hörte zu und träumte von einem Spaziergang auf dem Meeresgrund. Ich ging durch eine bezaubernde Landschaft die große Meeresstraße entlang. Mir begegnete der Herr Schwertfisch in seinem eleganten Abendanzug und Zylinder. Er nickte mir zu und sagte, „Ach, das ist aber schön, dass Sie uns auch mal besuchen.“
Ich spazierte an Korallen vorbei. Sie wiegten sich hin und her und hießen mich willkommen. Sie sangen ihr wunderschönes Lied. Ich schlenderte am Meerespalast des Neptun vorbei und kleine Muscheln begleiteten mich. Sie erzählten mir den neusten Hofklatsch und -tratsch …

Plötzlich hörte der Mann auf zu spielen. Alle schauten ihn – langsam aus ihren Träumen erwachend – ganz verwundert an. Er erschien mir irgendwie verändert, so als ob er mit offenen Augen im Seelenspiegel sein schon lange vergrabenes Kindwesen betrachtet hätte. Ich sah in die zwei Jungbrunnen eines etwas angestaubten Mannes …

Herbert schnatterte, „So etwas wundersames habe ich noch nie erlebt … Neptuns Reich ist einfach schön.“
Auch Fünfauge war total begeistert. Sie plätscherte aus sich heraus, „Ich habe ebenfalls die Unterwassermeereswelt gesehen …“
Die Begleiterin des Geigers stand mitten im Laden. Nein, sie stand nicht. Sie tänzelte, soweit es der beengte Raum zu ließ, wie ein ausgelassenes Schulmädchen durch ihn hindurch. Sie sagte nur, „Das war toll, einfach toll …“
Nur der Herr Koffer lag schweigsam auf seinem Regal, sah verdutzt aus seinen kleinen Äuglein und wusste gar nicht, wie ihm geschah.

Die junge Tänzerin war immer noch völlig verzaubert. Sie wiegte sich hin und her und streckte ihre Hand nach der Geige aus, und der Mann gab sie ihr. Sie spielte auf ihr. Erneut erfüllte eine bezaubernde Musik den Laden, drang durch Tür und Schaufenster auf die Straße, in die Stadt und in die Welt. Und wieder standen alle ganz verwunschen im Raum. Sie hörten der Musik zu, ließen sich von ihr treiben und träumten …

Ich war auch da und hörte zu. Ich flog wie ein Vogel durch die Lüfte, die Wolkenlandschaften und über die ganze Welt. Ich fühlte den Wind und die Sonnenstrahlen im Gefieder. Ich war ein Vogel. Ich bog an der Kumulus links ab und grüßte die mir entgegen kommenden Schäfchenwolken. Ich stieg noch höher hinauf bis über die Wolken und sah ganze Landstriche im großen Wasser schwimmen. Ich hatte alles um mich herum vergessen …

Doch mit einem Male hörte die junge Frau auf zu spielen. Ich sah ihr in die Augen und wusste, was passiert war. Es schnürte mir das Herz zu. Sie schaute ins Nichts und wirkte dabei so alt. Die Musik hatte sie innerlich wie äußerlich altern lassen, so als ob sie Lebensenergie abgesaugt hätte.
Ich hörte Fünfauges überschwängliche Stimme. Sie sagte, „Ich war ein Vogel und bin über die Himmelsstraße geflogen.“
Die kleinen Augen des Koffers strahlten überglücklich. Er brummte wie eine zufriedene Hummel in ihrer Lieblingsblüte mit tiefwarmer Stimme, „Ich bin auch geflogen. Einfach herrlich! …“

Ich weiß nicht warum, aber plötzlich hatte ich die Geige in der Hand. Ich zögerte noch. Sollte ich spielen oder lieber nicht? Was würde mit mir passieren? Ich wusste es nicht. Die kindliche Neugier hob die Geige an mein Kinn und die Hand mit dem Bogen zur Geige. Das Kind in mir spielte. Ein Netz aus betörenden Tonfolgen webte sich um uns und hüllte uns ein. Doch dann riss die goldene Saite.
Alles erstarrte in Stille. Ich hielt die Geige noch immer an mein Kinn und der Bogen ruhte in meiner Hand. Ich glaubte, den Staub fallen zu hören. Oder waren es doch eher die sterbenden Melodien meiner Kinderträume?
Melancholische Augen fragten mich, „Warum … Warum ist bei dir die Saite gerissen?“
Ich weiß es bis heute nicht.

© Rose Kane, in Memorian an Siebenstein, Mrbg., 1999 / überarbeitet Le., 2016