Der Zuckerberg

Die elf Eierköpfe bildeten eine Gefolgschaft. Sie waren auf ihrer Wanderschaft und wollten den Zuckerberg besteigen. Der Himmel orkante finstere Wolkenkriegsschiffe und hatte sich noch lange nicht ausgeweint. Er wrang förmlich die letzten Weltschmerztränen aus sich heraus.

Doch das Alles interessierte die elf Eierköpfe nicht. Denn sie trugen Denkerkappen aus Latex. Im Zenit schaute ihnen eine Art Regenschirm aus dem Kopf. Diese waren mit transparentem, rosafarbenem Latex bespannt und reichten glockenförmig bis zum Waldboden des regenzerfurchten, unwegsamen Pfades. Die Säume der Regenschirmglocken waren eng gefasst, so dass die Eierköpfe mit ihren Schwimmhäutefroschfüßen nur trippeln konnten.

Sie machten viele kleine Platschschritte durch wahre Sturzbäche, bevor sie am Graben der Flößer Eins begegneten. Das war ein armlanger Feuersalamander. Dieser kroch behände durch einen mannshohen Farnwald, um im besagten Bach abzutauchen. Als er die elf Eierköpfe mit ihren Denkerkappen und ihren bodenlangen Regenschirmglocken zu Gesicht bekam, verharrte er einen Moment im durchnässten Grün und betrachte sie einen nach dem anderen. Außer dem Latex und den Schwimmhäuten trugen sie nichts am Körper. Die Transparenz unterstrich ihre Nacktheit umso mehr, da jeder der Regenschirmglocken zusätzlich noch individuell gemustert war. Zum Beispiel mit grasgrünen Streifen eines Zebrafelles oder mit bunten Siebzigerjahreblumen und auch mit psychedelischen Spiralen.

Der Feuersalamander namens Eins ließ seine klebrige, kilometerlange Zunge hervorschnellen und berührte damit jeden der elf Eierköpfe am Fußknöchel. Das war seine Art, „Hallo“ zu sagen. Die Eierköpfe drängten sich dicht zusammen und rieben sich quietschend mit dem regennassen Latex aneinander. Sie wackelten mit ihren Oberkörpern hin und her und machten „Billibillibilli“ in den unterschiedlichsten Tonlagen. Dann kroch Eins flink fort und tauchte im Graben der Flößer ab.

Die elf Eierköpfe tippelten im Gänsemarsch weiter. Mal trommelte der Regen wie Gewehrsalven auf ihre Regenschirmglocken. Mal platschten Eiertränen hernieder und ließen die Eierköpfe aufseufzen. Und mal waren es feine Regennadeln, welche das Latex wie Eiswasser auf dem saunenverschwitzten Körper piekten und wild darauf

herumprickelten. Dann wiederum waren es sanfte Regenbindfäden, welche die Latexhäute streichelten, und wohlige Innenschauer bei den Eierköpfen erzeugten.

An der nächsten Biegung des schmalen Waldweges begegnete ihnen Zwei. Auch dies war ein Feuersalamander. Zwei jedoch war nur unterarmlang und träge. Er hatte gerade gespeist und war satt. Seine Augen glubschten unfreundlich, und sein Maul stand sperrangelweit offen.

Die elf Eierköpfe schrittchten ängstlich im Regen davon. Das Gelände stieg mit einem Mal sehr steil an, und der Pfad wurde noch unwegsamer. Die Eierköpfe keuchten und schnaufen vor sich hin und gerieten ins Schwitzen. Sie fragen sich einer nach dem anderen, wann sie den Zuckerberg wohl erreichen und erklimmen würden und bemerkten gar nicht, dass sie längst angekommen waren.

Jeder für sich waren sie Gefangene ihrer eigenen Gedanken. Das massive Regenrauschen unterstrich das nur. Es schien fast so, als würde das Blätterdach des Waldes mit aber- und abertausend Händeklatschern mal lauter und mal leiser applaudieren. Die Eierköpfe billibillieten nicht mehr, und sie quietschten mit ihren Latexregenschirmglocken auch nicht mehr. Nein. Sie setzten im Gänsemarsch einen nassen Froschfuß vor den anderen. Ihre Schwimmhäute quatschten dabei leise in den Sturzbächen des Waldpfades.

Einer nach dem anderen tippelte um die letzte Wegbiegung und blieb abrupt am Waldrand stehen. Sie hatten den Gipfel, ein überschaubares felsbrockiges zerklüftetes Plateau, erreicht. Auf einem der kleineren Felsen, in der Nähe der Bäume, badete der dritte Feuersalamander im Regen. Er hieß Drei und war nur ungefähr zwanzig Zentimeter groß. Er war nicht wie die anderen schwarz gefärbt und hatte auch keine knallgelben Flecken. Sondern dieser hatte eine damaszenerstahlähnliche Färbung. Zusätzlich trug er noch eine türkisfarbene Maserung am Leib. Seine Augen hatten einen dunkelvioletten Farbton.

Drei war der König der Feuersalamander und konnte sprechen. Willkommen hieß er die elf Eierköpfe und brach für jeden von ihnen ein kleines Stückchen seines Schwanzes ab. Er schenkte ihnen dieses Kleinod, auf dass sie, jeder für sich, ihre Eigenarten bewahren und sich selbst treu bleiben sollten. …

So machten sich die elf Eierköpfe auf ihren Heimweg. Der Himmel war noch immer eine einzige Wolkenschlacht, aber es hatte inzwischen aufgehört zu regnen …

© Rose Kane, BS, Juni 2017