Der Schnarpsenzöllner

Die großgroße Metallhummel surrte am Himmel – unmittelbar über dem Grandelarius Wissuria – den fast spiegelglatten Wasserverlauf verfolgend. Sie schien etwas wütend zu sein, denn immer wieder stieß sie zur Wasseroberfläche hinab, und es hatte den Anschein, als würde sie dabei einen unsichtbaren Feind attackieren. Im Inneren der rotierenden Hummel saß ein Schnarps.
Schnarpse sind höchst schlubbselige Wesen. Sie tragen einen schildkrötenartigen Panzer auf dem Rücken, und wenn sie sich emotional erregen, schlubbseln sie sich in ihr Panzerhäuschen zurück und warten den inneren Frieden ab, um sich dann plötzlich wieder zu zeigen. Sie haben eine schwarzblaue Färbung, und sind regenbogenfarben gepunktet. Bei gefühlsmäßiger Finsternis beginnen sie zu leuchten wie die Tiefseewesen dieses Blauen Planeten.

Der Schnarps jedenfalls, der die Metallhummel fliegen sollte, hatte sich schon vor einer ganzen Weile – seiner Art gerecht werdend – zurückgeschlubbselt und die Summbrummsel sich selbst überlassen. Sein Bauchpilot machte also justament Urlaub, während der Kopfpilot die Schlubbselautomatik eingestellt hatte …

Auf dem Grandelarius Wissuria kam genau in diesem Augenblick ein Galeeriaristenboot vorbei. Der Galeeriarist stand am Bug seines kleinen Schiffes und trommelte – über eine weite Strecken hin hörbar – einen regelmäßigen Takt, um seine Artistmeute anzutreiben, während die Prokuria am Heck stand und mittels Ruder das Ganze steuerte.
Das Galeeriaristenboot war fix unterwegs und schlug an seinem Bug und seinem Heck ordentlich Wellen. Doch die Metallhummel war schneller. Sie überholte die Meute, ließ deren Kunst links liegen und landete unmittelbar vor dem kleinen Schiff auf der Bugwelle.

Der Schnarps entschlubbselierte sich flugs wieder und stieg aus seinem Gefährt aus. Er hob seine rechte Schnarpsenhand zum Gruß und sagte mit überraschend tiefer Stimme, „Zollkontrolle! Bitte weisen sie sich und ihre Ware aus.“
Die Prokuria schluckte und druckste ein wenig herum, während der Galeeriarist sein geschäftliches Pokerface aufsetzte und meinte, dass sie nichts zu verzollen hätten.
Der Schnarps blinzelte ein wenig, wies dann mit seiner Schnarpsenhand auf die augenscheinlichen Galeeriaristensklaven und fragte, „Und wer sind die da?“
Der Galeeriarist lächelte und seine strahlend weißen Zähne waren kurz zu sehen, als er entgegnete, „Das, werter Herr Schnarps, sind meine lebenden Gemälde, die habe ich rechtmäßig geschenkt bekommen. Jedes Jahr zum Geburtstag.“ Er schwieg einen Augenblick und fragte schließlich, „Sieht man das nicht?“
Die Prokuria trat von einem Bein aufs andere und knetete sich die Hände.
Und der Schnarps beäugte kritisch die Schiffsbesatzung und kramte in seinem Penne-Kunst-Wissen von anno dazumal. Damals ging er noch in die Oberprima. Auf den zweiten und dritten Blick hin glaubte er schließlich doch einen Drubelhupf und einen Gogelmosch zu erkennen. Beide machten einen auf dickste Freunde und umarmten und busselierten sich ständig.

Der Schnarps winkte schlussendlich ungeduldig ab, stempelte dem Galeeriaristen den linken Handrücken und stieg wieder in seine Metallhummel. Das Fluggefährt erhob sich surrend und flog dann davon.
Der Galeeriarist allerdings rieb sich die Hände. Er würde seinen Reibach fortfahren können und griff vorfreudig zur Trommel …

© Rose Kane, Le., 05/2018