Der Helloizotenkomplott

Der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat setzte sich zu Dodo und der Fee an den Küchentisch und schaute den beiden zu, wie sie Osterschmuck an die Sträuße aus lauter Weidenkätzchenzweigen hingen. Er beobachtete Dodo von der Seite her, druckste ein wenig herum und fragte ihn schließlich,
„Du sag mal, was sind eigentlich Heliozoten? Du schriebst vor Jahren einmal von ihnen, und ich kann mir darunter nicht so wirklich etwas vorstellen.“
Die Fee zuckte bei dieser Frage zusammen und lies ein winziges Dekoküken fallen. Mit dem Ellenbogen stieß sie Dodo in die Seite. Dieser stöhnte auf und holte tief Luft.
Er sprach langsam – so als ob er erst noch lernen müsse, wie das geht – „Helloizoten. … Und nicht Heliozoten. Sie …“ Er unterbrach sich kurz, weil sich der Faden des einen Ostereies verheddert hatte. Abermals atmete er tief ein und aus und redete dann weiter, „Sie sprechen nicht mit Heliumstimmen. Nein. … Aber sie sagen dir immer dann Hallo, wenn du es am wenigsten erwartest.“
„Aha“, unterbrach ihn der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat. Er stöberte geistesabwesend in der Kiste mit den Ostersachen. „Und was ist daran bitte so furchterregend?“, wollte er wissen.
Dodo schwieg. Seine Hände zitterten unmerklich, als er das besagte Osterei an einen der kleineren Weidenkätzchenzweige hängen wollte.
„Also, ich meine, dein letzter ist dir in Gestalt eines schwarzen Katers erschienen, mit weißen Samtpfoten. Richtig?“, fuhr der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat fort.
Dodo antwortete noch immer nicht. Er begutachtete kritisch seinen dekorierten Weidenkätzchenstrauß.
„Ist doch eigentlich niedlich, oder?“, redete der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat weiter.
„Ach du verstehst das nicht!“, hob die Fee an, während sie noch eine rosa Schleife um ihren fertig geschmückten Osterstrauß band.
„Wieso? Der Helloizot hat Dodo mit seinem buschigen Schwanz doch nur umschmeichelt. Oder etwa nicht?“, hakte der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat nach. Er lächelte und nahm Dodo das Osterei aus der Hand, um es an seinen Platz zu hängen.
„Weißt du, wenn du nicht mehr atmen kannst, und dein Gehirn mit dem Denken aufhört, erlebst du alles, als sei es äußerst beängstigend. Da verkehrt sich deine Welt und stülpt sich plötzlich um.“, antwortete Dodo mit leiser Stimme. „Außerdem …“, er stockte kurz, bevor er weitersprach, „Wenn ich dem Helloizoten nicht den Stinkefinger gezeigt hätte, gäbe es heute keine bunten Ostereier und keinen Osterschmuck, nichts von alledem.“
Die Fee nickte energisch mit dem Kopf. „Stimmt!“, sagte sie. „Dodo hat unser Osterfest gerettet.“
„Ach …, wie denn das?“, wollte der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat wissen. „Was haben die Helloizoten mit unseren bunten Ostereiern zu tun?“, fragte er weiter und schaute skeptisch drein. Ungefragt setzte er sich an den Tisch zu Dodo und der Fee und wartete auf eine Antwort.
Die Fee kicherte und zwinkerte Dodo zu. Dieser jedoch tat so, als ob er das nicht bemerken würde und räumte die Osterkiste beiseite. Er kochte für jeden einen Kaffee mit viel Milch, setzte sich dann wieder an seinen angestammten Platz und räusperte sich …

Als er mit dem Erzählen anhob, meinte er, dass das mit dem Komplott der Helloizoten wie folgt gewesen sei:
Er hätte eigentlich im Krämerladen um die Ecke Eier einkaufen wollen, doch dann sei ihm ein diebisches Flüstern ins Innenohr gerutscht. Er sei dann nach sieben Querstraßen links in den Finsterwald abgebogen und hätte sich dort verlaufen, fing Dodo an zu berichten.
Er kratzte sich die Stirn und nippte an seinem heißen Kaffee. Die Fee trat ihm unterm Tisch energisch gegen sein Schienbein, und Dodo musste hörbar einatmen. Doch dann fuhr er gewandt fort …
Nach Stunden des Umherirrens im Dickicht des unheimlichen Waldes hätte ihn plötzlich wieder dieses Flüstern heimgesucht und ihn auf eine Geheimratslichtung der Helloizoten geführt. Ihm wäre zum Fürchten gewesen, fuhr Dodo fort. Er hätte mit anhören müssen, wie diese halluzinatorischen

Unwesen planten, Hennarina zu entführen, damit diese sich nicht in Oktarinus verlieben könne, erzählte er weiter.
Dodo strickte für den Namenlosen-der-längst-einen-Namen-hat das Seemannsgarn und kippelte währenddessen mit seinem Stuhl.
Er hätte sich dann auf den Weg gemacht, um die beiden, also Oktarinus und Hennarina zu suchen und sie dann schließlich vor den Helloizoten zu retten. Er sei über Stock und Stein gestolpert, hätte sich Hände und Knie aufgeschürft, bis er schlussendlich im Moorwalinaungestrüpp fündig geworden sei, berichtete Dodo weiter. Er hätte die Beiden beim verliebten Herumschnäuzeln und -schnäbeln ertappt, und Hennarina hätte schon das rosarote Ei gelegt gehabt. Es sei also höchste Eisenbahn gewesen.
Denn, so sprach Dodo im tiefsten Brustton der Überzeugung weiter, ihm sei das diebische Flüstern abermals ins Innenohr abgerutscht, und es hätte sein Gehirn durchgekitzelt, so dass er hätte lauthals auflachen müssen.

Der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat schluckte gezwungen. Vor lauter gespanntem Zuhören hatte er sich die Zunge an seinem heißen Kaffee verbrüht. Doch er schlürfte ihn trotzdem vorsichtig, rutschte mit seiner Flickenlatzhose ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her und klammerte sich an der Tasse fest.
Er dachte aufgeregt bei sich, Mann-oh-Mann …, jetzt hat Dodo die Helloizoten mit seinem Lachen auch noch auf sich aufmerksam gemacht …
Die Fee jedoch lächelte in sich hinein. Ihre Finger tänzelten am Kaffeepott entlang. Und ihre Beine waren vornehm übereinandergeschlagen, während ihr Rücken an der Stuhllehne ruhte. Auch sie lauschte aufmerksam Dodos Ausführungen.

Dodo drehte die Kaffeetasse in seinen Händen hin und her, als er mit Inbrunst fortfuhr.
Er hätte dann Hennarina und Oktarinus auf die Größe des Hosentaschenformates geschrumpft und in die Brusttasche seines Hemdes eingesteckt, bevor ihn die Helloizoten gefunden und er sich und die beiden Turteltauben aus dem Moorwalinaungestrüpp – dem eroberten Hoheitsterritorium der Helloizoten – hinauskatapultiert hätte, berichtete er weiter.
Er sei dann mit Oktarinus und Hennarina in sein Dodolonthium geflüchtet, damit Hennarina in Ruhe über dem rosaroten Ei hätte vor sich hinbrüten können. Am zwanzigsten Tag sei dann der Osterhase geschlüpft, fuhr Dodo fort.
Just an diesem Tage sei ihm dann der Oberhelloizot als firmamentumfassendes schwarze-Katzen-Wesen im Dodolonthium erschienen und hätte versucht, ihn auf weißen Samtpfoten zu bezirzen, ihm den Osterhasen zu verkaufen. Und als dieses nicht fruchtete, hätte der Oberhelloizot ihm seinen buschigen Schwanz um die Leibesmitte gelegt und das Leben aus Dodo herausgepresst, erzählte er atemlos.
Doch der junge Osterhase hätte instinkthaft Wind davon bekommen und sich in die Welt der Menschen abgesetzt. Dort angekommen sei er vor allem von den Erwachsenen gehänselt worden, weil er anstatt einer Hasennase eben eine Butterblume als Nase gehabt hatte. Er hätte dann vor lauter Scham einen gewaltigen Schluckauf bekommen, und ihm seien davon bunte Ostereier aus dem After gekullert.
Die Kinder hätten sich darüber sehr gefreut, berichtete Dodo weiter, und ihren neugeschlüpften Osterhasen mit einem großen Osterfest gefeiert.

So schloss Dodo seine kleine Geschichte, und der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat blickte zufrieden drein. „Eins muss ich zum Schluss aber noch anfügen.“, sagte Dodo. „Die Kinder lieben den Osterhasen und seine bunten Ostereier. Deshalb wiederholen die erwachsenen Eltern alljährlich das Osterfest für ihren Nachwuchs. Nur die Butterblumennase und die damit verbundene Schluckauf-Eierkullerei haben sie mit der Zeit wegrationalisiert …“

© Rose Kane, BS, 03/2018