Der Gemütseintopf

Es droihte ein regenreiches Unwetter am frühen Abendhimmel, und unheimliches Wetterleuchten geisterte den verfinsterten Horizont entlang, als Bordolina mit ungelenken Schritten um das Seelenlagerfeuer, dessen Flammen teilweise schon sehr hoch schlugen, vor dem hohen Eingangstor ihres ebenhölzernen Triumpfschlosses tanzte und ihren Gemütseintopf, den sie in einen uralten Kessel umgefüllt hatte, ordentlich befeuerte.
Dabei rann ihr der Schweiß über die Stirn in die Augen, und sie blinzelte immer wieder. Ihr Gesicht war hager und verrußt, und das lange Haar hing zottelig über ihre Schultern. Das schwarze Samtkleid, was sie achtlos übergeworfen hatte, war ihr viel zu groß und umschlackerte ihre dünne Gestalt meilenweit.

Sie war so vertieft in ihr Tun gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, dass Dodo, gefühlsmüde wie er war, alle seine Seelenmenschen und den Rest seiner kleinen Ich-Gang zusammengerufen hatte. Sogar das Hexchen war herbeigeeilt, hatte sich neben Dodo an den Rand der Krone des Schlosswalles gesetzt und ihm einen Arm um die Schultern gelegt. Eckstein, die Fee und die Anderen von der Ich-Gang standen oder hockten dichtgedrängt daneben und schauten besorgt drein.
Jeder von ihnen wusste, dass Bordolina es viel zu weit getrieben hatte, und ihr diese ganze Gefühlschose um die Ohren zu fliegen drohte. Sie hatte den Gemütseintopf gründlich versalzen und auch noch überkochen lassen. Doch das störte sie nicht im Geringsten. Sie war die Jägerin ihrer aller Emotionen und zeitgleich aber auch die Gejagte dieser. Sie hatte damit die gesamte Ich-Gang – einschließlich sich selbst – atem- und wurzellos gemacht …

Etwas abseits – ans schwarze Eingangstor des herrschaftlichen Gemäuers gelehnt – stand eine Staffelei mit einem unfertigen Gemälde. Ein kubistisches Fantasieporträt von Dodo. Am Boden vor der Staffelei lagen die Pinsel, die Malpalette und die Tuben mit den Ölfarben sowie die Mallappen chaotisch herum. Die angebrochene Büchse mit dem Terpentin war umgefallen und teilweise ausgelaufen. Bordolina schien noch vor wenigen Stunden am Werk gewesen zu sein. Doch das zählte im Moment nichts …

Sie war so in ihrem Eifer gefangen, dass sie auch nicht registrierte, dass justament in diesem Moment eine violettfarbene Wüstenrennschnecke mit der Arche Noah auf dem Rücken am Schlosswall anlandete und allmögliches Getier aus der Arche entließ.

Vor allem strömten Glubschies hervor. Das waren beläufte, blau-graue Kofferfische, die drei übergroße Glubschaugen besaßen und denen eine blinkende Warnlaterne nebst einer kleinen Sirene auf der Schädelplatte wuchsen.
Und dann war da noch der Rettifant. Dieser rannte mit seinem rot beschuppten und bepanzerten Antlitz – ein paar Meter von Dodo und seiner Seelenmannschaft entfernt – sofort den Schlosswall ein. Sein Kopf war besetzt mit kleinen Schaumschleudern und sein Maul war ein langer Ziehharmonikaschlauch mit einer spitz zulaufenden Wasserdüse am vorderen Ende.

Der Rettifant hinterließ allerlei Staub und Geröll auf seinem Weg und blieb erst unmittelbar vor Bordolina mit

dem hoch lodernden Seelenlagerfeuer und dem Kessel mit dem versalzenen, übergekochten und inzwischen auch angebrannten Gemütseintopf stehen.
Die aufgebrachten Glubschies eilten durch die Bresche, die der Rettifant geschlagen hatte, herbei und sirenten vor sich hin. Ihre Schädelplattenlaternen blinkten immer wieder grell warnend auf. Der Rettifant hob sein schlauchiges Ziehharmonikamaul an und zielte mit der Wasserdüse auf das außer Rand und Band geratene Seelenlagerfeuer. Er trötete mehrmals laut, um Bordolina eventuell noch ihrem Wahnsinn zu entreißen, dann setzte er seinen Löschmechanismus in Gang.
Die Wasserdüse rülpste gewaltig, bevor sie ein Gemisch aus alkoholfreiem Altbier und Erdbeermussirup ausspuckte, und die Schaumschleudern bewarfen die entbändigte Feuerstelle mit geschäumter Milch …

Bordolina schaute entgeistert zu. Sie raufte sich die zottigen Haare, schwankte wie eine junge Birke im Aprilsturm hin und her und sank am Ende völlig entkräftet in sich zusammen. Nur ganz allmählich kam sie wieder zu sich und rappelte sich auf.
Eckstein und die Fee und die Anderen von Dodos kleiner Ich-Gang waren den beschädigten Schlosswall hinuntergeklettert, um Bordolina beizustehen und sie wieder in ihrer Mitte aufzunehmen.

Nur Dodo verweilte auch weiterhin am Rand der Krone des Schlosswalles. Er hatte sich mittlerweile neben dem Hexchen gedanklich zusammengekringelt und in seiner Fantasie mit seinem papageibunten Federmantel zugedeckt. Emotional erschöpft hatte er sich körperlich an die Schulter von Hexchen gelehnt und war im Minutenschlaf traumlos weggeschlummert.
Seine anderen Seelenmenschen – wie zum Beispiel das Chamäleon und der Pink-Panther und die weise Schneeeule und Femmoralia oder das Streunerkatzenwesen – bildeten einen dichten Halbkreis um Dodo und das Hexchen. Sie beobachteten, wie Dodos kleine Ich-Gang die durchnässte Bordolina den Wall hinaufführten, um sie letzten Endes alle wieder miteinander zu vereinen …

Bordolina sagte keinen Ton, als sie in den kleinen Halbkreis hineintrat. Sie kniete sich zu Dodo hernieder, nahm seine Hände in die ihrigen und führte diese an ihr beschmutztes Gesicht. Zögerlich drehte sie seine Handinnenflächen nach Außen und küsste diese zaghaft. Dann legte sie ihren Kopf seitlich mit der rechten Wange und Schläfe in seine offenen Hände und verharrte solange in dieser Position, bis er endlich flüsterte, dass alles gut sei …

Das Hexchen erhob sich leise aber bestimmt. Sie und der Reigen aller anderen Seelenmenschen nickten mit ihren Köpfen und entschwanden einer nach dem anderen im nun direkt über ihnen stehenden Unwetter.

Das Seelenlagerfeuer qualmte noch vor sich hin, und der Kessel mit dem Gemütseintopf war über der Feuerstelle umgekippt und sein Inhalt bis aus dem letzten Tropfen im Boden versickert. Der Rettifant und die beläuften Glubschies hingegen waren längst von dannen gezogen. Den Rest würde der Gewitterregen besorgen, hatte sie sich gedacht.
Die Fee holte ihren Regenbogenschirm hervor, zauberte ihn so groß, dass die gesamte Ich-Gang darunter ihren Platz fand und geleitete sie alle den Wall hinunter auf den nach-Hause-Weg in meine Alltagsrealität hinein …

© Rose Kane, Le., 05/2018