Das Weihnachtsballett

Das Himmelstaxi war einfach nicht erschienen, und das obwohl die himmlische Zentrale auf Dodos Nachfrage hin noch eine freundliche Bestätigung der angemeldeten Fahrt über den Äther versendet hatte. So stand Dodo und seine Ich-Gang wie bestellt und nicht abgeholt auf der Kumuluswolkenstraße herum und wusste nicht weiter.
Während sich Zissi und die Dramaqueen gegenseitig hochschaukelten, in dem sie sich hämische Dramagedanken an den Kopf warfen, wünschte sich Dodo nichts sehnlicher, als schließlich doch noch in die Wolkenwalachei zu fahren, um seinen uralten Ohm Brütteltütt an seinem Geburtstag zu besuchen.
Der war nämlich Besitzer eines Wolkengartens, indem sich lauter Bengel heimisch fühlten. Jeder dieser Bengel ging einer ganz bestimmten Kunst nach und erschuf so seine Glitzibitzi-Klunkermietzchen-Herzensdingelchen. Die Bengel verschenkten ihre Herzensgaben an die vereinzelten Abenteurer, denen es gelang, bis in den Wolkengarten vorzudringen.

Dodo jedenfalls wollte sich von den augenscheinlichen Widrigkeiten nicht abhalten lassen. Er zupfte den Namenloses-der-längst-einen-Namen-hat am Ärmel.
„Hast du Pinsel und Farben dabei?“, fragte er ihn.
Der Namenlose-der längst-einen-Namen-hat ruckte mit dem Kopf und schaute Dodo von der Seite her an. Dann versenkte er seine Hände in den großen Hamstertaschen seiner bunt geblümten Flickenlatzhose und wühlte darin herum.
Die Fee kicherte. Sie hielt den schweren Korb mit allerlei Seelenspeisen in den Händen, setzte diesen zu ihren bestiefelten Füßen ab und zuckelte ihr tannengrünes Korsett zurecht. Dann sprach sie, „Dodo, sieh doch einfach in deinem Lebensrucksack nach. Ich denke, dort wirst du fündig.“
Dodo kratzte sich am Kinn, während der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat hinter ihn trat und den Lebensrucksack auf Dodos Rücken beherzt öffnete. Mit einem Griff hatte er Pinsel, Farben und Papier parat und drückte diese Utensilien Dodo in die Hand.

So machte sich Dodo schließlich ans Werk und malte ein Bild seines alljährlichen Weihnachtsballetts. Das war sein Wegweiser, wo er und seine Ich-Gang hinreisen wollten. Als er damit fertig war, übernahm es der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat, die Zeichnung auf eine alte Pappe zu kleben, die er zufällig in der benachbarten Wolkenwiese am Schäfchenwolkenbach gefunden hatte. Dann hielt er dieses Schild mit beiden Armen über seinen Kopf, stellte sich an den Rand der Kumuluswolkenstraße und harrte aus.
Die Fee und Dodo gesellten sich mit dem Korb voller Seelennahrung zu ihm und packten nach und nach allerlei Leckereien aus.
Eckstein hingegen stand auf einem naheliegenden Wolkenhügel und eichte seine Waage. Er dachte, dass sie auf diese Art und Weise ganz gewiss nicht ihr Gewicht halten könnten. Bordolina stellte sich leise dazu und tippte ihm von hinten auf die Schulter. Sie meinte, dass es nicht darauf ankäme, immer alles auf die Goldwaage zu legen, sondern die Dinge auch einfach mal Laufen zu lassen. Eckstein zog daraufhin die Stirn kraus und lies von seiner Waage ab. Bordolina allerdings legte ihm den Arm um die Schultern und führte ihn zur Fee und Dodo hinüber.
Der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat lächelte vor sich hin, während ihm die Fee allerlei Leckerbissen vor seinem Mund darbot.
Zissi und die Dramaqueen hingegen standen ein wenig abseits und tuschelten miteinander. Die Dramaqueen hatte ihr meterlanges Maßband gezückt und es der Zissi um die Taille gewickelt, um sie wie einen alten Kreisel vor ihrem Ich-Spiegel zum Rotieren zu bringen.
So vertrieb sich Dodos Ich-Gang die Zeit der Warterei. Dabei hoffte er inständig, dass es nicht Godot war, der einfach nicht auftauchen wollte.

Sein Ohm Brütteltütt hatte schon mindestens drei Mal den Himmelsfunk bemüht, um sich darüber zu informieren, wo Dodo denn abgeblieben sei, als endlich am nahen Horizont ein sehr beleibter, hochgewachsener Bengel auftauchte. Dieser fuhr auf einem Klappfahrrad die Wolkenstraße entlang und zog einen knallroten rollenden Schrankkoffer als Fahrradanhänger – von der Größe eines Krippenwagens für sechs oder sieben Kleinkinder – hinter sich her.

Von Weitem sieht das wie eine bonfortionöse Erscheinung aus, dachte Dodo und zupfte seiner Fee am Blusenärmel.
Die Dramaqueen machte große Augen und lachte. Sie sagte zu Zissi, „Jesus! Mein Maßband ist zu kurz für den Bauchumfang des Bengels.“, und lies diese ordentlich um sich selbst kreiseln.

Als der Bengel endlich mit seinem ächzenden Klappfahrrad herangeradelt war, blieb er stehen.
Über sein rundes Mondgesicht liefen Schweißrinnsale und verwischten die Bartkonturen auf seiner Oberlippe und dem Kinn, die er sich selbst mit einem schwarzen Kajalstift sorgfältig geschminkt hatte. Sein weißes Feinripphemd wies dunkle Flecken unter den behaarten Achseln auf und lag locker über seinen Brüstchen, während die lederne Knickerbocker die nackten Knie zeigte.
Der linke Kniestrumpf war bis zum Knöchel heruntergerutscht und gab den Blick auf ein haariges Schienbein frei. Der Bengel trug knöchelhohe Römersandalen an den Füßen, und auf seiner schwitzigen Stirn saß eine Schweißerbrille, die umrahmt war von einem blond gelocktem Rauschehaarschnitt.

„Seid gegrüßt Dodo!“, rief der Bengel außer Atem. „Wohin des Wegs?“, fuhr er fort, während die schwanengleichen Flügel ihm Luft zufächelten.
Dodo räusperte sich und maß mit den Augen die Größe des knallroten Schrankkoffers ab. Er fragte sich in Gedanken, ob seine Ich-Gang darauf ihren Platz finden könnte und schrumpfte diese sowie sich selbst auf die Größe eines Zwei- bis Dreijährigen herab.
Die Fee ergriff beherzt das Wort, „Wir wollen zu Brütteltütts Wolkengarten, um ihm zu gratulieren und auch um deine Kollegen und ihre Glitzibitzi-Klunkermietzchen-Stände zu sehen.“
„Oh!“, rief da der Bengel in seiner Altstimme laut aus. „Das trifft sich gut.“, fuhr er klangvoll fort. „Dort will ich auch hin.“
Mit einer weitschweifigen Armbewegung lud er daraufhin

Dodo und seine Ich-Gang ein, auf seinem prall gefüllten, rollenden Koffer Platz zu nehmen und mit ihm die Kumuluswolkenstraße entlang zu reisen.

Als schließlich alle auf dem großen Schrankkoffer ihren Platz gefunden hatten, begann der Bengel zu singen, „// Sein Geburtstag, der wird lustig, / sein Geburtstag, der wird schön, / denn da kann man Brütteltütt / mit all den Bengeln sehn. // Holahi, holaho, / holahia, hia, hia, / holaho! / Holahi, holaho, / holahia, hia, hia, / holaho! // Sein Geburtstag, der wird lustig, / sein Geburtstag, der wird schön, / … //“

Er trat kräftig in die Pedale, und sie kamen gut voran.
Der Schäfchenwolkenbach linker Hand war inzwischen zu einem reißenden Fluss geworden, in dem die Wolkenfetzen nur so dahinflogen. Eine Seilbrücke mit eingeflochtenen Brettern überspann diese Unwegsamkeit.
Am hiesigen Ufer prangte eine mindestens drei Meter breite und zwei Meter hohe Werbeleinwand. Darauf zu sehen war ein Ballett aus lauter bärtigen Weihnachtsfrauen, die um zahlreiche Geschenke tanzten und dem Vorbeireisenden mit ihren Tonbandstimmen lautstark ein „Frohes Fest“ verkündeten.
Während am anderen Ufer eine Wolkenhecke mit rosafarbenen und gelben Rosenblütenwölkchen wuchs. Dort wo die Seilbrücke auf die Böschung stieß, umwölkte ein Heckentorbogen das Ende der Brücke.

Der Bengel verstummte und stieg für seine Leibesfülle erstaunlich schwungvoll von seinem Klappfahrrad ab. Er drehte sich zu Dodo und seiner Ich-Gang um und sprach, „Wir sind da. Das ist der Eingang zu Brütteltütts Wolkengarten. Wir müssen nur noch den Wolkenfluss überqueren.“
„Über die Hängebrücke?“, fragte Dodo zaghaft.
„Die erscheint mir sehr wackelig.“, warf Eckstein ein.
„Wir haben doch Höhenangst.“, rollte die Dramaqeen mit den Augen und klammerte sich an den Ärmelsaum von Zissis reich bestickten und perlenverzierten Mantel.
Die Fee kicherte. „Es riecht hier nach Zimt und Abenteuer.“, entgegnete sie den anderen und klettere als Erste vom knallroten Koffer herunter.

Sie ergriff Dodos Hand und zog ihn mit sich. Dann stellte sie sich hinter den Bengel rechts neben sein Klappfahrrad wuchs wieder auf ihre ursprüngliche Körpergröße heran und legte ihm die linke Hand auf die Schulter. Dodo tat es ihr gleich. Seinerseits griff er mit der Rechten nach der Schulter seiner Fee und bedeutete mit der anderen Hand dem Rest seiner kleinen Ich-Gang wieder groß zu werden und ihm zu folgen. So bildete der Bengel den Kopf der Gänsemarschschlange und Eckstein das Schlusslicht.

Als sie sich alle hintereinander aufgereiht hatten, setzten sie sich vorsichtig in Bewegung. Der Bengel betrat die Hängebrücke und die Seile stöhnten. Das erste Holzbrett knarzte und bog sich unter seinem Gewicht.
Er machte einige Trippelschritte und balancierte sich und sein Fahrrad zwischendrin immer wieder aus. Die Nachfolgenden taten es ihm gleich und hielten sich zusätzlich noch mit ihrer freien Hand am Seilgeländer fest.

Als sie die Mitte der Brücke aus Seilen und Holzbrettern erreicht hatten, hing diese bis knapp einem Meter über dem Fluss aus wilden Wolkenfetzen durch und flüchtiger Wasserdampf umhüllte die Füße der kleinen Reisegruppe.
Die Fee drehte sich zu Dodo herum. „Du hast den Grießbrei überkochen lassen.“
Sie kicherte.
Und Dodo erwiderte brüsk, „Ich bin nicht mit den Brüdern Grimm verwandt!“
Dabei ließ er einen Augenblick die Schulter der Fee los und umfasste mit beiden Händen links und rechts über den knallroten, rollenden Koffer hinweg das Seilgeländer. Sein Herz stolperte, und die Knie wurden ihm weich.
Die anderen seiner Ich-Gang drängelten hinter ihm. Sie wollten die wackelige Brücke so schnell wie möglich hinter sich lassen und ermahnten Dodo, wieder nach der Schulter seiner Fee zu greifen und den Weg fortzusetzen.
So geschah es auch. Schließlich betraten sie auf der anderen Flussseite wieder die Kumuluswolkenstraße und durchschritten einer nach dem anderen den Torbogen aus Rosenblütenwölkchen.

Dodo atmete auf. „Jesus!“, entfleuchte es ihm.
„Lass Jesus aus dem Spiel!“, ermahnte ihn Eckstein, der als letzter seinen Fuß auf die sichere Wolkenstraße setzte.
„Wieso?“, fragte die Fee. Sie wand sich zu Eckstein um und kniff ihm liebevoll in die Wange. „Der hat doch auch Geburtstag.“, fuhr sie fort und lächelte.
„Ja! Aber der lebt nicht mehr.“, entgegnete Eckstein. „Und immer muss er betender Weise für unsere Schwierigkeiten herhalten, als ob er uns die nötigen Schritte in den dafür vorgesehenen Schuhen abnehmen und uns damit helfen könnte?“, fuhr er fort.
Er schaute zielbewusst die Straße aus Kumuluswolken entlang und erblickte die ersten Glitzibitzi-Klunkermietzchen-Stände.
„Ach, und du hattest keine Angst, als wir auf der Hängebrücke waren und für einige lange Augenblicke unsere Füße nicht mehr sehen konnten?“, fragte die Fee sanft.
„Doch!“, entgegnete ihr Eckstein. Er schluckte und schwieg. Seine Hände verschränkten sich ineinander.
Bordolina legte ihm den Arm um die Schultern, zog ihn an sich und drückte ihn. „Das ist doch nicht schlimm.“, flüsterte sie. „Auch wenn du lieber allein in unseren Schuhen gelaufen wärst.“, fuhr sie fort.

Der Bengel lächelte verschmitzt. Prüfend tastete er nach seinem Dekolleté. Die Brüstchen saßen 1-a.
„Jesus ist unser Eiland.“, sagte er.
Dann schob er sein Klappfahrrad an den Wegesrand. Er legte es ins Wolkengras und nahm es in Windeseile auseinander. Nur ein paar Wimpernschlägen später hatte er daraus seinen Stand für die die Glitzibitzi-Klunkermietzchen-Herzensdingelchen aus seinem knallroten Schrankkofferfahrradanhänger erschaffen und lud die Reisegefährten ein, seine Gaben zu bestaunen.
Die Fee, Dodo, der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat, Bordolina, die Dramaqueen und Zissi jauchzten auf vor Freude, waren sie doch in ihrem Element.
Einzig Eckstein schaute sich kritisch um. Er wartete darauf, dass der uralte Ohm Brütteltütt auftauchen würde, damit er ihn beglückwünschen konnte …

© Rose Kane, Le., 12/2017

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rubrik: gruesse
info: stg., 12/2011