Charly und die Self-Awareness

Es war Ostersonntag.
Sie war ihren Menschenfreunden und Menschenfreundinnen sowie Jüngern und Jüngerinnen erschienen und hatte mit ihnen gespeist. Niemand hatte Fragen gestellt. Alle glaubten an diese Begegnung und gingen, durch das gemeinsame Mal gestärkt, in ihr Leben zurück.
Keiner ist zurückgeblieben bis auf Charly.

Sie stand mit nackten Füßen im staubigen Bühnensand und betrachtete sich in einem rollbaren Standspiegel. Nebenbei lauschte sie den unsichtbaren Klängen einer Akustikgitarre. Diese zupfte sich zart und leise durch den Äther. Sie lies noch keine genaue Melodie erahnen, bis schließlich eine mutige Geige einsetzte und sich allmählich in die Gitarrentöne hineinflocht …
Es war die siebzehnminütige Version des CITY-Songs „Am Fenster“ zu hören.

Und Charly stand mutterseelenallein mitten auf der Bühne, eingehüllt in einen Himmel voller Alufoliensterne. Sie umarmte sich und streichelte sich selbst. Sie beobachtete ihr Konterfei in dem Spiegel, wie auch dieses sich im Arm hielt und zärtlich zu sich selbst war.
Das war eine unvertraute Doppelung ihres eigenen Ichs. Und noch befremdlicher wurde es, als ihr Spiegelbild ganz langsam immer jünger wurde und schlussendlich zu einem kleinen Kind metamorphierte. Doch sie sagte kein Wort.

Ein einzelner Bühnenscheinwerfer tauchte sie in strenges Weißlicht. Schattenstaubkörnchen schwebten durch die Luft und berührten sanft Charlies Silhouette.

Sie begann sich, fernab von der Jetztwelt, zur Musik zu bewegen und war frei in einer Welt aus Tönen und Klängen. Und auch ihr junges Spiegelbild tanzte im Rahmen seiner Möglichkeiten mit, während sie den Spiegel auf seinen Rollen mit sich nahm.
Sie wusste nicht, ob sie Zuschauer hatte. Es war ihr egal. Sie wollte einfach leicht wie eine Feder ihrem Bewegungsdrang folgen.
So tanzte sie sich mit dem Rollspiegel durch den Bühnenraum. Dabei ließ sie ihr kindliches Konterfei nicht aus den Augen. …

Es vergingen einige Minuten, bis eine plötzliche Klangcollage aus dem Ticken eines Weckers, von verschiedenen Schritten sowie dem Öffnen einer Jalousie und eines Fensters sowie dem Straßenlärm, der durchs offene Fenster drang, die Musik unterbrach.

Es geschahen mehrere Dinge zur selben Zeit.
Charlies Konterfei entwickelte mit einem Mal ein Eigenleben und griff mit seiner kleinen Kinderhand nach der Erwachsenenhand ihres Spiegelgegenübers. Der Spiegelrahmen hatte plötzlich keine Spiegelfläche mehr. Und Charly handelte intuitiv und zog ihr inneres Kind hinaus aus der Spiegelwelt hinein in ihre eigene Realität.
Während sie dies tat, erlosch das einzelne Spotlicht und zwei andere Theaterleuchten gingen an. Sie tauchten die Bühne in einen diffusen, rötlichen Schein, und versteckte Nebelmaschinen pusteten Gewaber in den Raum.
Charly hielt ihr inneres Kind noch an der Hand, stand nun neben dem leeren Spiegelrahmen und unterlag selbst einer Metarmorphose.
Ihr wuchsen rechts und links am Kopf Hörner. Die Ohren verformten sich nach oben und unten hin spitz zulaufend. Die Wangenknochen und das Kinn traten stärker betont hervor. Die Augenbrauen wurden plötzlich wild buschig, und ihre menschlichen Augen verformten sich zu orangefarbenen Katzenaugen, wohingegen sich die Nase zu einem riesigen Zinken verkrümmte. Ihr linker, nackter Fuß war plötzlich kein Fuß mehr, sondern hatte die Form eines Pferdehufes angenommen. Und ihr Steißbein hatte sich zu einem Schwanz mit einer kleinen Quaste am Ende verlängert.
Charly war zum Untier ihrer selbst mutiert. Sie trug keine Kleidung mehr sondern ein schwarzes Fell.
So stand die große Teufeline dem kleinen inneren Kindich gegenüber und beäugte dieses.

Von irgendwoher summte irgendjemand zögerlich die „Am-Fenster“-Melodie, während zaghaft die Glocken läuteten und die Akustikgitarre probeweise wieder einsetzte.

Das Kind war in lichten Farben gekleidet. Es schien aus dem inneren heraus zu leuchten, und es hatte einen Strahlenkranz um den Kopf. Es trug güldene Arm- und Fußfesseln sowie einen breiten Reif aus Gold um den Hals. Nur angekettet war es nirgends, wohingegen die Teufeline eine eiserne Fußschelle um den Knöchel hatte und mit einer sehr langen Kette an den rollenden Standspiegel gefesselt war.

Die Musik setzte wieder ein, und die Bühnenbeleuchtung wechselte ins discofarbene Glitzerkugellicht. Eine melancholische Männerstimme erklang und sang,
„Einmal wissen, dieses bleibt für immer. // Ist nicht Rausch, der schon die Nacht verklagt. // Ist nicht Farbenschmelz noch Kerzenschimmer – // von dem Grau des Morgen längst verjagt.“

Charly fühlte sich justament seltsam zweigeteilt. Da war einerseits das neugierige innere Kind, andererseits war aber auch das Untier in ihr präsent. Beide tanzten mal hart gegeneinander an und mal in friedliebender Zweisamkeit miteinander. Sie wusste nicht, auf wen sie hören sollte, und sie hatte keine Ahnung, wie sie diese beiden Kräfte zu einem harmonischen Etwas vereinen sollte.
Insbesondere jetzt nicht, in dieser für sie sehr ungewohnten und ungeübten Situation. Denn es trat gerade ein neuer Mensch in ihr Leben. Eine Frau, die sie näher kennenlernen wollte. Sie wusste allerdings noch nicht, welcher Art ihr eigenes Interesse sein könnte. Sie spürte auf der einen Seite bei sich aufkommende Frühlingsgefühle. Und auf der anderen Seite waren da aber auch kopfgesteuerte Selbstzweifel und Unsicherheit und Negativstimmen.
Das alles war etwas, was sie aus ihrem bisher himmlischen Dasein nicht gekannt hatte. Da liebte sie zwar auch und wurde geliebt, aber das Körperliche war dabei vollkommen ausgeklammert. Und auch die innere Zwietracht gab es in dieser ätherischen Daseinsform aus purer Energie nicht.
In Summe wusste sie nicht, ob es ein kluges Ideenexperiment gewesen war, ins Irdische hinüberzuwechseln, um greifbarer für die Menschen zu werden …

Die traurige Männerstimme sang weiter, während Gitarre und Geige dazu spielten,
„Einmal fassen, tief im Blute fühlen. // Dies ist mein, und es ist nur durch Dich. // Nicht die Stirne mehr am Fenster kühlen, // dran ein Nebel schwer vorüber strich.“

Charly beobachtete sich in ihrer Zerteiltheit. Sie sah, wie ihr kleines inneres Kind gegen die große Teufeline antanzte, wie es mal als Bildnis hinter dem Spiegel ohne Spiegelfläche fungierte, und wie es im nächsten Augenblick eine eigenständige Kraft war.
Das war sehr verwirrend für Charly. Sie verspürte Seelenqualen und auch körperliches Herzeleid.
Die teuflische Energie in ihr war sich uneins. Zum einen wollte sie dieses neue Menschenwesen für sich alleine besitzen, Macht über diese Frau haben und ihr weh tun, ihr aber auch sexuelle Lust bereiten. Zum anderen allerdings verneinte diese Negativenergie alles. Denn sie war eine Quelle voller zerfressener Zweifel und Seelenängste.
Das innere Kindich hingegen war sehr neugierig. Es verhielt sich dieser Frau gegenüber wie ein handzahmes Rehkitz – offenherzig und vertrauensselig. Es wollte sie zur Freundin und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Das Kind in Charly fühlte sich asexuell und klammert auch in seinem näheren Umfeld das Thema Sexualität komplett aus.
Doch Charly wusste es nicht besser …

Das Discoglitzerkugellicht erlosch und wich einem dunkelblauen Himmelslicht mehrerer Bühnenspots. Die Alufoliensterne thronten in der Kulisse. Und die kraftvollen Geigentöne küssten den Zuschauerraum, als die Männerstimme erneut mit Singen ansetzte, „Einmal fassen, tief im Blute fühlen. // Dies ist mein, und es ist nur durch Dich. // Klagt ein Vogel, ach auch mein Gefieder – // nässt der Regen, flieg ich durch die Welt.“

Das kleine innere Kind und die große Teufeline tanzten um die Wette. Sie pflückten die Alufoliensterne von der Bühnenkulisse, und Charly weinte menschliche Tränen. Sie ward nun ganz irdisch, hielt Kind und Teufeline in ihren Armen und vereinte diese in sich zu einem Ganzen. Sie verspürte alle Menschengefühle auf einmal, auch den Hunger. Und so machte sie sich auf den Weg, sich etwas zum Essen zu suchen …

© Rose Kane, BS, April 2017

self-awareness

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—- schlagworte —-

selbsterkenntnis, ichbewusstsein, selbsterfahrung, selbstbewusstsein, begegnungeinesfremden, zweigesichter, gutundböse, fremdeskind, innereskind, sichfremdsein, überraschung, herantasten, eineinandervereinen, zweiseelenachinmeinerbrust, bezugsfremd, fremdeln, nichtwahrhabenwollen, zwiegespalten, gegenpole, schwarzundweiß, irgendetwasdazwischen, …

—- hintergrundbeschallung —-

city – am fenster (1978) – full length track

—- inspiration —-

danse contemporaine – the mirror d’alexandre desplat