Chaotica Maxima

Es regnete Bindfäden, und das alte Jahr reichte dem Neuen die Hand zur Begrüßung. Dodo, Eckstein und die Fee sowie die Dramaqueen, Bordolina, Zissi und der-Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat saßen im Bushaltestellenwartehäuschen vor dem Wohnsilo und schauten zu den fernsehmüden Fensteraugen und Balkonmündern hinüber. Überall blinkte, leuchtete und blitzte es nachweihnachtlich. Der Wohnturm sah aus wie ein himmelhoher Weihnachtsbaum. Die vorbeikommenden Menschen hasteten mit vollen und leeren Einkaufstaschen ihren neuen Jahresplänen entgegen. Hier und da fiel auch ein regendurchnässtes Passantenwort. Aber niemand schien wirklich Muße für einen ausgedehnten Gehwegplausch zu haben. Selbst die Regenschirme hatten der eilig geschäftigen Stimmung nichts entgegenzusetzen. Sie wichen einander geschickt aus und huschten aneinander vorbei.

Nur meine kleine Ich-Gang saß bei einer Fünf-Liter-Thermoskanne heißem, grünem Tee im Wartehäuschen und hielt sich an den dampfenden Tassen fest …

„Erinnert ihr euch noch daran, wie der-Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat zu uns gestoßen ist?“, fragte die Fee in die kleine Runde hinein.
Zissi, die Dramaqueen und Bordolina schütteten jeweils ihren Kopf. „Das ist vor unserer Zeit passiert“, verneinte die Dramaqueen. Ihre Augen richteten sich auf ihre Teetasse, und ihre klammen Hände wärmten sich daran.
„Doch. Mir steht es noch vor dem geistigen Auge, so als sei es erst gestern geschehen“, entgegnete Dodo. „Er ist der Vierte im Bunde gewesen, und ich habe ihm gedanklich einen Namen gegeben, als ich vor gut neun Jahren ‚Geschwisterliebe‘ geschrieben habe.“, fuhr er fort.
Eckstein nickte. „Wir haben ihn in diesem Wohnsilo dort drüben, in unserer damaligen, verwahrlosten Wohnung aufgefunden. Er war der ein-Genie-beherrscht-das-Chaos-Mensch unter uns, der hoffnungslose Papier-Stapel-Surfer und der genante leere-Wein-und-Schnaps-Flaschen-Sammler. Diese nahmen damals über die Hälfte des verdreckten Küchenfliesenbodens ein und waren total verstaubt. Immerhin waren wir zu dieser Zeit schon ein Jahr lang trocken.“, meinte Eckstein. Mit den Augen zählte er die Fenster und Balkone ab und versuchte die ehemalige Wohnung zu finden.
Die Fee lächelte. Sie wies mit dem Arm in die Richtung der alten Behausung, „Es ist die Dritte von Links, im Siebenten Stock, gewesen. Seht ihr? Da wo heute der Weihnachtsmann auf dem Fenstersims sitzt und Balalaika spielt?“
Dodo hatte die Teetasse in Gedanken auf den letzten freien Plastiksitz neben sich abgestellt. Seine rechte Hand war wie automatisch in seine Hosentasche gewandert, und er ließ den Würfel zwischen seinen Fingern hindurchgleiten. Plötzlich hielt er diesen in der Hand und Eckstein vor die Nase … „Weißt du noch, wie du ihn dort drüben im Treppenhaus beim Stufenabzählen gefunden hast?“
Eckstein, „Hmmmte“. Er nahm Dodo den Würfel aus den Fingern und rechnete seine Augen zusammen. Es waren Einundzwanzig. „Das ist jetzt zehn Jahre her.“, fuhr er fort. „Viel Wasser ist seitdem die Pleiße hinabgeflossen …“

Der-Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat lachte auf. „Stimmt. Ich war ein großer Chaosprinz.“ Er lachte abermals. „Ich bin noch immer das geborene Durcheinander … und ein kleines, aprilwettriges HB-Männchen.“
Er zauberte aus der linken Hamstertasche seiner Flickenlatzhose einen regenbogenfarbenen Hosentaschenstoffballon. Dieser war durch kleine Wollfäden mit einem Minikörbchen verbunden. Das Spielzeug baumelte zwischen seinen Fingerspitzen, und er betrachtete es eingehend. Mit einem verschmitzten Lächeln blies er drei Mal drauf, hielt es so weit wie möglich von sich gestreckt in die Luft und harrte aus …
Die anderen sagten nichts und warteten gespannt ab.

Es tat ein leises Plopp, und es geschahen mehrere Dinge gleichzeitig:
Der kleine Stoffballon schwoll zu einem normal großen Gasballon an. Dabei sprengte er das windschiefe Wartehäuschen der Bushaltestelle auseinander, so dass nur noch die Wände schräg auseinanderklaffend stehen blieben. Und das Wetter änderte sich mit einem Schlag. Es hörte plötzlich auf zu regnen und die Wolken lichteten sich, so als ob Mister Gott die Himmelswasserleitung abgedreht und den Wolkenvorhang beiseitegeschoben hätte.

Der-Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat kicherte. „Wohlan! So steigt ein und fahrt mit mir in meinen aktuellen Chaosgarten!“, lud er den Rest der Gang ein.
Sie alle nickten und folgten im Gänsemarsch seiner Offerte. Als alle im Korb standen, betätigte er den Gashebel und der Ballon hob langsam vom Boden ab. Er stieg ganz allmählich in die Höhe, bis sie auch das Dach des Wohnturms sehen konnten, und der Gasballon wurde mit der Luftströmung davon getragen …
Sie stiegen höher und höher, fuhren eine Weile vor sich hin und schnatterten durcheinander. Vor allem Zissi, die Dramaqueen und Bordolina waren etwas aufgeregt. Denn sie hatten den Namenlosen-der-längst-einen-Namen-hat noch nie in einer seiner Gartenanlagen besucht. Sie hatten keine Vorstellung davon, und so beobachteten sie die unter ihnen vorbeiziehenden Spielfeldlandschaften. In der Vogelperspektive sah alles sehr überschaubar und logisch aus, fanden sie. So leicht und wenig erinnerungsschwanger. Sie verspürten im Grunde die Freiheit, die man nur

über den Wolken erleben konnte.

Irgendwann waren alle Gespräche verstummt. Ehrfurchtsvolle Blicke wanderten umher. Die Sonne warf bunte Farbkleckse auf die Erde und ließ den Gasballon in seinen Regenbogenfarben auflodern. Sie neckte die vereinzelten Wolkenschiffe. Diese huschten als Schattenberge über die – wie eine Luftbildkarte – tief unten ausgebreitete Landschaft.

Dodo schirmte mit der Hand seinen Blick ab und beobachtete den Horizont linksseitig der Sonne. Da entdeckte er ein großes Etwas in der Ferne. Es sah ein bisschen wie ein kugelrunder Berg aus. Doch er war noch zu weit weg, um Genaueres zu erkennen … Außerdem blendete ihn die Sonne. Auch wenn er noch so angestrengt seine Augen zu schmalen Sehschlitzen verengte, Details blieben ihm für den Moment verborgen.

Der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat lächelte. „Wir sind bald da.“, verkündete er den anderen. Er drückte einen roten Knopf am Steuerungselement seines Gasballons und ein lautes Surren setzte ein.
Der Wind verstärkte sich schlagartig und trieb den Ballon vor sich her. Genau in die Richtung des Berges am Horizont. Die Entfernung schrumpfte im Nu bis zur Tuchfühlung zusammen und plötzlich waren sie da.
Es war eine himmelhohe Kugel aus allerlei alten, chaotisch zusammengefügten Wohngegenständen. Der Ballon umfuhr diese langsam. Sie sahen hier eine zerschlissene, rote Couch hervorlugen, dort den kaputten Drehfuß eines Bürostuhles und da drüben einen zerbeulten und zerkratzten Kühlschrank. Und über allem thronte ein angerissenes, fleckiges, an den Ecken straff festgezurrtes Transparent. Auf ihm war mit grüner Farbe in schluderigen Druckbuchstaben „Willkommen im Chaotica Maxima – dem Garten der Emotionen“ geschrieben.
Am Fuße dieser Chaoskugel stand eine kleine Pappmachefigur mit einem u-förmigen Magneten in der Hand. Dodo musste nicht näher hinsehen, um zu wissen, dass es sich um das Abbild des Namenlosen-der-längst-einen-Namen-hat handelte. Es sah so aus, als ob diese Figur die sehr große Kugel in einem spontanen Wutanfall, der jeden Augenblick wieder vorbei sein konnte, irgendwohin dirigieren wollen würde …

Der Gasballon fuhr weiter, und seine Insassen staunten mit untertassengroßen Augen. Nur der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat hatte seine Augen geschlossen. Er lächelte still vor sich hin, denn er war hier zu Hause.
Sie kamen an einer meterhohen, eingefrorenen Papierwelle aus lauter Zetteln, Umschlägen, Blättern, Blöcken, Briefen und Postits vorbei, unter deren Kamm ein klitzekleiner Surfer auf seinem Bord stand, um diese Welle zu reiten. Auf all diesen Papieren waren handschriftliche und maschinegeschriebene Merknotizen zu lesen und überall war ein At-Zeichen aufgemalt oder gedruckt.
Auch hier wusste Dodo sehr genau, wen er da vor sich hatte. Nur war die Figur dieses Mal nicht aus Pappmache sondern aus Eisen, und es sprach die pure Verzweiflung aus jedem Quadratmillimeter der Eisengestalt. Er legte dem Namenlosen-der-längst-einen-Namen-hat seinen Arm um die Schulter, zog ihn ein wenig zu sich heran und, „Hmmmte“.

Und weiter ging die Reise. Der regenbogenbunte Gasballon kam einem luftig hohen, sehr ausladenden Riesenschreibtisch entgegen. Er war bis auf den letzten Winkel über und über mit Riesenaktenordnern und einem Wust aus losen Papierkram zugestapelt. Eine armlange, geschnitzte Holzfigur hockte auf einem dieser Papierstapel und versuchte alles so zu ordnen, dass sie es sauber abheften konnte. Dabei sah sie unkonzentriert aus und schien einem flüchtigen Gedanken nachzuhängen.
Logisch, dass Dodo in diesem Falle ebenso wusste, um wen es sich handelte. Er zupfte den Namenlosen-der-längst-einen-Namen-hat zaghaft am Ärmel. „Das ist nicht deine Stärke, was?“, fragte er ihn.
Und dieser antwortete, „Nein, ist es nicht. …“

Dodo, Eckstein und die Fee sowie die Dramaqueen, Bordolina, Zissi und der-Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat verließen den wolkenhohen Schreibtisch und fuhren zur vorerst letzten Station dieser kleinen Rundreise.
Sie kamen an einem fußballfeldgroßen Himmelbett, das weit in das Firmament hineinragte, an. Mit dem Landehaken des Ballons, den sie an einem langen Seil hinabließen, angelten sie nach dem Baldachin, um ihn – der freien Sicht wegen – beiseite zu ziehen. Es klappte, und sie bekamen die dunkelblaue Matratze des Bettes zu Gesicht. Dort sahen sie ein Lebenspuzzle, ausgebreitet auf dieser liegen. Es erstreckte sich über fast die gesamte Fläche des Himmelbettes und war bis auf 3 Puzzleteile vollständig zusammengesetzt. Eine menschengroße Glasgestalt kniete davor. Nur galt ihre Aufmerksamkeit nicht dem Puzzle an sich, sondern sie hatte ein gläsernes Kaleidoskop in den Händen und hielt es sich vors Glasauge …
Der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat seufzte laut auf, und Dodo nahm ihn bei der Hand. „Ich lasse mich im alles entscheidenden Moment immer von den schönen Dingen des Lebens ablenken“, sagte er traurig. „Und dann bin ich so in mir versunken, dass neben mir eine Bombe hochgehen könnte, ich würde es nicht bemerken …“, fuhr er fort.
Die Fee räusperte sich. „Etwas Gutes hat dieser Umstand allerdings schon. Du hast einen Blick für das Besondere in unserem Leben. Du siehst Details, die uns anderen verborgen bleiben.“ Als sie das sagte, lächelte sie …

Und der Gasballon fuhr weiter Richtung Sonnenuntergang, um schlussendlich im Irgendwo-und-Nirgendwo des sich neigenden Silvestertages zu landen.

 

© Rose Kane, Le, Dezember 2016