Captain Green

So nannte ich den hoch gewachsenen, schlaksigen Fahrgast, der mir im stählernen Schlangenmoloch gegenübersaß.

Er trug ein grasgrünes T-Shirt und eine dunkelgrüne Hose. Quer über seinem schmächtigen, bekleideten Brustkorb prangte in weißen Lettern der Schriftzug „Captain Green“. Um seinen Schwanenhals trug er eine Kette. An dieser hing ein ausgezogenes Kaleidoskopfernrohr.

Mit der linken Hand hielt Captain Green sein Hosentaschentelefon verkehrtherum an sein Ohr. Und sprach lautstark mit seinem Telefon. Er nannte es mehrfach Lauren. Dabei gestikulierte er eindrücklich mit seiner rechten Hand vor seinem Gesicht herum und legte diese nur für kurze Ruhepausen auf seine Bohnenstangenknie ab.

Er hätte sich mit seinen Knien die Ohren putzen können. Doch aus mir augenblicklich unerfindlichen Gründen unterlies er genau dies. Stattdessen hielt er – als Gegensatz zu seiner freien Hand – die Beine ganz still und schlug sie nur gelegentlich übereinander.

Das Hosentaschentelefon hielt er noch immer mit dem Mikrophon an sein Ohr und dem Lautsprecher an seinen Mund und sprach mit ihm:

„Lauren? … Wie bitte? Ich verstehe dich nicht!“, sagte er

laut und schwieg für einen Augenblick. Schließlich hob er erneut mit Reden an. „Das kläre ich nicht hier mit dir.“, sagte er.

Der Schweiß rann ihm in kleinen Bächen aus dem Haaransatz die hohe Stirn, die Schläfen und den käsigen Nacken hinab. Er sammelte sich in Form von dunklen Flecken in den Achselhöhlen, am Rundhalsausschnitt und am Rücken des grasgrünen T-Shirts.

„Ja, ich liebe deine Zwiebel.“, sprach Captain Green weiter. Sein spitzer Adamsapfel tanzte dabei hin und her und lies den Hals noch länger und irgendwie auch zerbrechlich erscheinen. „Wir spielen bald wieder unser Zwiebelspiel. Versprochen!“, fuhr er fort und nahm abrupt das Telefon vom Ohr.

Das Display blieb schwarz. Captain Green wischte geschäftig mit den Fingern über diese tote Schwärze, so als ob er eine Nachricht lesen wolle. Dabei rann ihm etwas Speichel über den rechten Mundwinkel. Diesen wischte er mit dem Handrücken flüchtig weg und lies seine Zungenspitze die Lippen nachfahren.

An der nächsten Haltestelle faltete er sich aus der Plastiksitzschale, stopfte sein Telefon in die Hosentasche und verließ die Bahn. Ich habe ihn nie wieder gesehen …

© Rose Kane, Le, August 2017