Bordolina

Die Sonne stand hoch im Zenit. Es war kein Wölkchen am azurblauen Himmel zu sehen, und es war stechend heiß.
Dodo, Eckstein, die Fee, Zissi, der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat und die Dramaqueen waren seit den frühen Morgengrauenstunden unterwegs. Sie hatten an der Tombola zur Ausschreibung meiner Seelenwanderschaft teilgenommen und waren nun in meiner Beziehungslandschaft unterwegs.
Sie hatten das Streuner-Katzen-Wesen, das schon vor vielen Jahren heimisch geworden war, in Katzenhausen besucht. Dort hatten sie allesamt bei Kaffee und Tee um ihren großen, chaotischen Küchentisch gesessen und kunterbunt durcheinander geschwatzt. Dann hatten sie kurz beim Chamäleon, das im Augenblick in Trauer ging, im Erdlöwenbusch vorbeigeschaut. Und schließlich waren sie noch beim Panthertierchen und seinem kleinen Nachwuchs im drückenden Großstadtamazonien eingekehrt.
Jetzt, nachdem sie den Dschungel aus Lianenschlingpflanzenhochhäusern und wilden Wasserstraßen hinter sich gelassen hatten, stand ihnen allen der Sinn nach einer Verschnaufpause. Denn sie waren schon wieder seit einer guten Stunde in der nun wieder sengenden Hitze unterwegs.
Die Landschaft präsentierte sich schon seit Anbeginn der Reise auf einem blank polierten Silbertablett.
Momentan waren da zum Beispiel violette Riesenhausboviste, die sich linksseits des Pfefferkuchenweges auf den hügeligen Wiesen aus Lackritzgras tummelten. Rechtsseits fand sich ein Wald aus lauter Salzstangenbäumen, von deren Zweigen große Zuckerwatteblätter hingen. Und da war noch ein Milchsuppensee am Horizont zwischen den grünen und roten Götterspeisengebirgsflanken.

„Wo sind wir?“, fragte Dodo die anderen. Das Tuch, das er um seine bunten Stoppelhaare gewunden hatte, war schweißdurchtränkt ähnlich wie der Hosenbund seiner weiten, bis zur Wade hochgekrempelten, gebatikten Zimmermannshose. Er hatte Durst, war aber zu faul, um die Trinkflasche aus dem Lebensrucksack zu kramen.

Niemand antwortete ihm.

Der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat wühlte in den Hamstertaschen seiner Flickenlatzhose. Wie immer suchte er etwas und fand es nicht.
Die Fee lächelte müde zu ihm herüber und hielt ihm – wie von Zauberhand geführt – plötzlich eine Faltkarte vor die Nase, während sich Zissi und die Dramaqueen mit einer alten Zeitschrift abwechselnd Luft zufächelten …

Eckstein stand ratlos neben Dodo, schirmte seine Augen mit der Hand ab und tat einen Rundumblick …
Das sieht mir aus wie Schlaraffia, dachte er, sagte aber keinen Ton. Da drüben. Er wies stumm mit der Hand dorthin. Irgendetwas Großes hat dort ein schwarzes Loch in die Materie gerissen, dachte er weiter. Inmitten des Nichts sehe ich ein Märchenschloss aus schwarzem Ebenholz, rieselte es ihm durch seinen verschwitzten Kopf. Dahin müssen wir gehen …

Eckstein war zu müde zum Reden. Er griff nach Dodos Hand und zog ihn mit sich fort. Dieser wiederum ergriff die Fee am Blusenärmel und dirigierte sie in seine Richtung. Und sie legte stillschweigend ihren Arm um die Schultern des Namenlosen-der-längst-einen-Namen-hat und führte ihn mit sich fort. Zissi und die Dramaqueen folgte mit einigem Abstand.

So zog die kleine Schar in Richtung des finsteren Märchenschlosses. Am frühen Abend kamen sie endlich am Materienloch an. Die Sonne stand schon tief am Horizont. Sie griff mit staksigen Fingern nach dem schwarzen Nichts, vermischte es wie einen Tintenklecks mit Wasser und zerschnitt es in viele hundert Puzzelteile. Die Welt zog lange Schatten …

Das ebenhölzerne, schlichte Tor des Schlosses stand sperrangelweit offen und lies das orange rötliche Licht des Resttages in breiten Streifen in die weitläufige Eingangshalle. Wiedererwartend war diese nicht schummrig erleuchtet, sondern erstrahlte mittels abertausender regenbogenfarbener, kleiner Lichtkugeln augenangenehm.
An der Wand gegenüber den Torflügeln hing ein überlebensgroßes Porträt. Es zeigte ein blutjunges, weibliches Wesen. Sie hätte hübsch aussehen können, wenn sie nicht eine gewisse innere Zerrissenheit widerspiegelte.
Die linke Porträthälfte war in Schwarz und Weiß gemalt. Diese Gesichtshälfte sah traurig, zermartert und hager aus. Die langen Haare waren auf dieser Seite des Bildes ganz zerzaust und das Kleid wirkte zu groß und irgendwie zerlumpt.
Die rechte Porträthälfte hingegen war in leuchtenden Gutelaunefarben gehalten. Das Gesicht strahlte auf dieser Bildseite vor Freude, und das Haar lag gepflegt über der Schulter. Auch das Kleid schien zu lachen.

Dodo fragte sich, ob das Bild die Hausherrin darstellen sollte. Er blieb lange davor stehen und betrachtete es in Gedanken versunken …
Eine der kleinen Regenbogenkugeln schwebte ihm immer wieder vor der Nase herum, so als ob sie ihn dazu auffordern wollte, ihr zu folgen. Doch Dodo ignorierte sie, bis die Fee an ihn herantrat und ihn auf eine Spur dunkelroter Rosenblätter auf dem Mosaikfliesenboden aufmerksam machte.
Sie bedeutete ihm und allen anderen, ihr und den Blütenblättern zu folgen …
Und so durchquerte die kleine Schar die große Eingangshalle mit ihrem filigranen Mosaikfußboden, passierte eine hohe Ebenholztür und traten in einen Saal mit vielen Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichten.
Dieser Hallensaal war erfüllt von wundervollem Abendlicht. An dessen Wänden hingen ganz ähnliche Porträts wie das im Eingangsbereich des Märchenschlosses. Auch sie spiegelten eine innere Zerrissenheit wieder und waren auf der einen Seite in den Unfarben und auf der anderen Seite in kräftigen

Freudenfarben gehalten. Sie wirkten auf die neugierigen Betrachterblicke fast kindlich.
In der Mitte des großen Raumes stand eine reich gedeckte elf Meter lange Tafel mit sieben Thronsesseln daran. Der größte von ihnen befand sich an der Stirnseite und war mit dunkelgrünem Samt überzogen, während alle anderen ein orange farbenes Sitzpolster hatten.

Dodo, Eckstein, die Fee, der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat, Zissi und die Dramaqueen hatten großen Hunger und auch Durst. Doch keiner getraute sich etwas von den erlesen dargebotenen Köstlichkeiten anzunehmen. Sie alle hatten „Pans Labyrinth“ im Gedächtnis und wussten von dem schlafenden, kinderfressenden Ungetüm …
Schließlich war es erneut die Fee, die alle beherzt anführte. Sie löste sich als erstes von diesem verlockenden Anblick, folgte abermals der Spur aus Rosenblättern und durchschritt diese von Licht durchfluteten Halle zielsicher zur nächsten ebenhölzernen Flügeltüre. Als sie diese resolut aufstieß, blieb sie wie angewurzelt stehen …

Ihre überraschten Augen blickten in einen Spiegelsaal, der erfüllt war von aber- und abermillionen regenbogenfarbener Lichtreflektionen.
Wie „das Spiegelkabinett des Doktor Parnassus“ sickerte es ganz spontan durch ihre Gedanken. Ob man durch diese Spiegel auch in die eigene Phantasiewelt gelangen kann, überlegte sie.
Die Lichtkugeln schwirrten emsig wie Bienen in einem Bienenstock hin und her. Am stärksten konzentrierten sie sich in der Mitte des Saales.
Dort stand eine überlebensgroße Staffelei. Auf dieser befand sich ein angefangenes Porträt. Und davor tänzelte auf einer Malerleiter, wie auf Stelzen, ein wirr vor sich hinmurmelndes Wesen. Die Fee sah für diesen Augenblick nur die Rückenansicht, war sich aber sicher, dass es die lebensechte Version des Eingangsporträts war, die Hausherrin des märchenhaften Ebenholzschlosses sozusagen.

Die kleine Schar drängte sich im Eingangsbereich des Spiegelsaales und gab keinen Laut von sich, bis der Namenlose-der-längst-einen-Namen-hat in seinem Chaosgewusel seine Taschenuhr mit einem lauten Scheppern zu Boden fallen lies.
Die blutjunge Frau auf der Leiter tat einen erschrockenen Ruck, drehte sich nach der Geräuschquelle um und drohte umzukippen. Nur mit Müh und Not erlangte sie das Gleichgewicht wieder und kletterte anschließend behände von der Malerleiter. Sie bedeutete ihrem Besuch näher heranzukommen, und das tat das kleine Grüppchen, angeführt von der Fee, dann auch …

„Willkommen auf Schloss Bordolino!“, sagte die Schlossherrin und reichte jedem der Anwesenden schüchtern die Hand. „Ich habe euch erwartet.“, fuhr sie fort und legte Pinsel und Farbpalette beiseite.
Sie sieht gar nicht so aus wie auf dem Bild in der Eingangshalle, dachte Dodo. Sie wirkt viel friedlicher und irgendwie auch zufriedener, überhaupt nicht verkannt, stellte er fest.
Dodo fragte erstaunt, „Du hast uns erwartet?“ Er war fasziniert von dem unfertigen Porträt. Es wirkte auf ihn so anders als seine surrealen Illustrationen. Es, vor allem aber das Bild aus der Eingangshalle, erinnerte ihn aus unerfindlichen Gründen an „das Bildnis von Dorian Gray“, und er fand das irgendwie gruselig. Er glaubte zu wissen, wen das darstellen sollte, und es berührte ihn unangenehm.
„Ja!“, erwiderte sie. „Ich wusste schon vor vielen Monden, dass ihr irgendwann auftauchen würdet.“, fuhr sie fort.
Dodo betrachtete das angefangene Bild eingehender. Ja, die Gesichtszüge kenne ich, dachte er. Es ist nur nicht als Mond sichelförmig verfremdend dargestellt, überlegte er weiter. Er räusperte sich.
„Du zeichnest ja meine Verflossene.“, stellte er nüchtern fest. „Warum tust du das?“, fuhr er fort.
„Weil sie dir noch immer etwas bedeutet.“, antwortete die Hausherrin.
„Aber warum stellst du sie wie alle anderen Frauenporträts, die wir auf den Weg hier her gesehen haben, dar? Warum spiegeln deine Bilder diese kindliche, innere Zerrissenheit zwischen den Unfarben und den Freufarben wieder?“, meldete sich Eckstein zu Wort. Einerseits bannte das Ganze seine Aufmerksamkeit, andererseits verspürte er aber auch ein zartes Befremden.
Während Zissi ungeduldig von einem Bein auf das andere trat, ihr drehte sich hier viel zu viel Aufmerksamkeit um jemand anderes, jemand Fremden, lächelte die Fee still vor sich hin. Sie verstand.
„Weil ich sie alle so fühle.“, entgegnete die Hausherrin leise. „Es sind deine ehemaligen Freundinnen, die ich gemalt habe“, sprach sie weiter. „Das Hohelied der Idealisierung und die abgrundtiefe Ernüchterung der Realität liegen bei mir sehr nahe beieinander. Sie wechseln sich launisch wie das Aprilwetter ab. Und sie führen ein magnetisches Dasein. Ich meine Anziehung und Abstoßung in einem.“ Ihre Stimme klang sehr nachdenklich, als sie redete, und ihre Stirn legte sich unter ihrem langen, zerwühlten Haaren in Falten.

Schweigen.
Im Spiegelsaal roch es nach Ölfarben und Terpentin. Die regenbogenfarbenen Lichtkugeln wuselten wild umher und zauberten wahre Discolichtergewitter in die Luft.

„Wie heißt du?“, fragte Dodo.
„Bordolina“, antwortete die Schlossherrin laut.
„Und du bist eine von uns“, nickte die Fee. Sie lächelte noch immer.
„Ja. Ich bin die Siebte im Bunde“, meinte Bordolina. „Jetzt, wo ihr sehend seid, kann ich es ja sagen.“, fuhr sie fort. „Aber lasst uns nun endlich zu Tisch gehen. Ihr seid sicherlich hungrig und durstig von der lange Reise.“

Kein Aufbegehren.
Als endlich alle an der ausladenden Tafel saßen, Bordolina an der Stirnseite, Dodo zu ihrer Linken und die Fee zu ihrer Rechten, sprach sie feierlich, „Sieben auf einen Streich! So soll es von nun an für immer sein.“ Dabei erhob sie ihr Glas Möhrensaft und prostete den anderen zu …

© Rose Kane, Le, Dezember 2016