Boa constrictor

Dodo saß in der – mit vorfrühlingsfreudigen Michelinmännchen vollgestopften – Straßenbahn und hatte seine Seelenmusik auf den Ohren. Er befand sich schon den fünften Tag auf seinem Schulweg hin in die Welt der Zahlen und Worte. Und jeden Morgen kam er irgendwo an. Nicht nur in Gedanken …
Er hockte mit angewinkelten Beinen auf seinem blauen Plastiksitz mit dem kar-r-ier-e-ten Stoffüberzug und befand sich in einer Schockstarre. Er trug sein neues Gnagna-Kaputzenshirt und hatte keine Schuhe an den Füßen …

Wohingegen sich Eckstein mit dem allmorgendlichen Angsttier herumärgerte. Dieses hatte sich nämlich in seiner haarigen Angelegenheit mit glühendem Eifer um Dodos Gedärme herumgeschlängelt und würgte nun wie eine hochprozentige Boa constrictor an seinen Gefühlsinnereien herum.
Es war ein gescheckt-gestreift-gepunktetes-gestreicheltes Untier. Etwas zum anfassen und anfühlen.

Eckstein spürte die transparentpapierne Nähe zum Damals. Und er hatte eine Ohnmacht vor Augen. Er wusste aber, dass er dem Angsttier nur mit Aktivität würde beikommen können. Und genau das hatte er in den letzten Tagen getan.
Er hatte das eh schon enge Zeitkorsett in Kauf genommen, um sich auch in seiner Freizeit vor allem den Zahlen zu widmen. Das hatte ihm ein halbwegs gutes und beruhigendes Gefühl gegeben. Er wusste allerdings nur zu gut, dass aus ihm nie ein Zahlenkünstler werden würde.

So hielt er Dodos Hand und versuchte das Angsttier zu befrieden. Während dessen sangen Nine Inch Nails den „The-Greater-Good“-Song in ihren Ohren.
Die Kopfhörer tönten, „Breathe … us in. // Slowly. // Everything you do. // Everywhere you go. // Anything we want. // Anything. //“
Und plötzlich war da ein Licht am Ende des langen, dunklen Tunnelganges. Und plötzlich schöpften sie neuen Mut. Und plötzlich war es gut.

© Rose Kane, Le, März 2017