Blue Light

Dodo stand am Dachrand einer Hochhauskluft, die zu ihren Füßen den Abgrundschlund eines Wurmziegers beherbergte. Ein schwül rülpsiger Aufwind umspielte Dodos bunten Haarschopf und strich die Falten, welche sich mit Vorliebe zwischen den Augenbrauen zeigten, von seiner Stirn.
Er fasste sich ein Herz und schaute in die Tiefe der schlundigen Kluft des Untieres.
Mit kaleidoskopartigen Fernglasaugen erblickte er tausende und abertausende neongrüne Riesenraupen, die in einem schier endlosen Wald aus metergroßen Flimmerborsten – wie emsige Bauarbeiter auf ihrem Gerüst – herumkrabbelten und das sandfarbene, getiegerte Molochwesen im Inneren mit diffusen Schein einer grünen Neonfarbe überzogen.
Und ganz tief unten in diesem Gierschlund, da wo eigentlich alles hätte vor Schwärze gähnen sollen, glomm ein kleiner, blauer Lichttrabant, und es schneite Daunen.

Das faszinierte Dodo sehr. …

Er hegte den Wunsch, noch einen Schritt zu tun, um

diesem bläulichen Licht nahe zu sein, um ihm halb entgegen zu klettern, halb hinab in die Tiefe zu fallen und halb wie eine Seifenblase zu schweben, direkt in das pulsierende Gewirr aus blauer Farbe und Flaumfedern hinein.
Er hatte das Gefühl, dann wäre er geborgen, dann könnte er klein sein und Verstecken spielen, dann würde alles gut werden, dann wäre er um einiges erleichtert.
Doch nicht nur das.
Er verspürte auch eine Gänsehaut, und die verschwitzten Nackenhaare sträubten sich bei dem Gedanken, tatsächlich ins Nichts des Abgrundes zu treten, während sich seine Zehnägel imaginär aufrollten und das Gedärm sich zusammenkräuselte.

Der Wecker klingelte, und Dodo entwirrte das Knäul, was seine Gliedmaßen mit der Bettdecke bildeten. Er kletterte schlaftrunken von seinem Hochbett, um geschäftig in seinen Tag zu starten …

© Rose Kane, Le., 01/2018