Angstreality

Moorley stand zwischen drei weißen Plastikweihnachtsbäumen, die vollends mit violetten und orangenen Christbaumkugeltieren sowie blinkenden Lichterketten behangen waren. Er hatte einen dampfenden Kinderpunschbecher in der Hand und lehnte an der letzten mit allerlei Zuckerwatte und Zuckergusseiszapfen dekorierten Tannenwaldverkaufsbude des diesjährigen Marktes der Konsumverspieltheiten.
Um ihn herum herrschte ein reges Rotenasentreiben, und es punkte der Rosensong „Stille Nacht, heilige Nacht“ lautstark aus den Lautsprecherboxen der näheren Umgebung.

Moorley allerdings bekam davon nicht so viel mit. Denn er hatte das Geschenk auf der Nase, was er erst neulich von Angustus-Blumia zum Geburtstag bekommen hatte.
Es war eine Angst-Reality-Brille. Der letzte Schrei der gefühlshungrigen Menschenkindermassen.
Er schlich gerade auf Samtpfoten durch den Emotionsirrgarten, um zum Zentrum seiner Angst zu gelangen. Denn er wollte seine Angustus-Blumia besuchen, um ihr einen schönen Abend zu wünschen und mit dem Kinderpunsch auf sie anzustoßen. Jedoch er fürchtete sich davor und machte allerlei irrige Umwege durch das Labyrinth seiner Seele.

Moorley wusste genau, wie Angustus-Blumia aussah, und wie sie sich anfühlte.
Er sah sie mit ihrem rosafarbenen, säbelzahnigen Lächeln und ihren pinken Telleraugen vor sich. Sie hatte ein meerisch-türkisenes, verfilztes Zottelfell mit winzigen Fledermausflügeln auf den Rücken. Und ihr wuchsen rosa Blumen auf dem Kopf.

Auf dem Weg zu seiner Angustus-Blumia kam Moorley an kleineren und größeren ängstlichen Gefühlsbaustellen vorbei und überbrückte diese notdürftig. Dabei war er sich nicht im Klaren, ob es klug war, Angst vor seiner eigenen Angst zu haben …

Dann schließlich gab sich Moorley doch einen Ruck, setzte die Angst-Reality-Brille wieder ab und nippte vorsichtig an seinem Becher mit warmen Kinderpunsch.

Die Roten Rosen punkten noch immer über den Markt, während so manches quengel-drängelige Kind seine Eltern oder Großeltern hierhin und dorthin mit sich zog.

© Rose Kane, Le., 12/2017

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hintergrundbeschallung: frei.wild – hab keine angst
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infos: le, 2017